Er sprang auf das Pferd, mit träumerischen Zügen trieb es langsam ins Wasser. Wo der Mondstrahl auffiel, spiegelte das Wasser wie Glas, das sich drehte: Das Schloß . . . mit buntem Kies, gebaut für die Zärtlichkeit der Frauen. Tiefe Fenster wühlten in der wollüstigen Blumendämmerung. Der Park stand voll vom Duft der Rosen und Jasminen. Schreibend früh morgens mit vier Sekretären, noch feucht von der Haut der Geliebten. Da schoß er Tiere. Warf den Körper in das Bassin, das ihn kristallen umschäumte. Dumpfe Nächte beim Kartenspiel durchschlug er mit schweißigem Haar. Ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm behängt . . . eine Intrige, die in London sich kraus entfaltete . . . mit großen Orden, den Degen am Fuß empfing er eine Fürstin, die Hand am Schlag und sie warf ihm Blicke zu durch das Glas, das er geschmeichelt nahm. Dann nichts tun einen Sommer, als den Himmel ansehn durch den Regenbogen der Tritone . . . er trieb das Pferd mit Schlägen; das seichte Wasser schäumte. Er hob es am Zaum hoch und zwang es tiefer in die Flut. Indem begann der Mund sich zu öffnen, zuerst leise im Rhythmus, dann schreiend sang er, was von der Hure in ihm war. Das armselige Lied befriedigte seine Sehnsucht tief. Als der Gaul versank, schwamm er weiter, der Mond lag auf weißen
Wellen. Er sang nicht mehr, das Wasser schlug an seiner Kehle und erstickte seinen Ton. Sein Herz war so irrsinnig, daß, als der Mund die Flamme nicht ausspeien konnte der Sehnsucht, es pochte dumpf den Namen der Frau, das Übelste an Erinnerung, die er verachtet, um die er sich geschlagen und die er jedem Lakaien gegeben. Das hatte noch sehr Gewalt in ihm.
Als die Kraft ihn verließ und er unterging, kam Wehmut über ihn, er arbeitete sich hoch, kam mit dem Kopf gegen die Küste, den Mond im Rücken. Da, als er das Land sah, verließ ihn alles, er wußte nichts als Leben und das Gefühl des Atmens durchstieß ihn so, daß er weinte vor Gier, dazubleiben, die Arme zu strecken, nicht zu sterben. Er mühte sich dreimal verzweifelt, die Welle schlug ihn zurück. Keuchend erreichte er Grund, kam an die Küste. Fand sein Pferd, das mit dem Schweif schlug und wieherte. Sein Atem schlug wie eine Säule über den Sand. Er stöhnte, machte drei Schritte, erreichte den Gaul nicht, sondern fiel mit dem Gesicht auf die Erde, breitete die Arme aus, schlief an ihr wie an einer Frau.
Spät am Morgen wachte er auf, drehte sich, nahm das Pferd am Halfter und ging nach der Stadt. Er drehte sich nicht nach dem Meer um, sah es nie wieder. Am Eingang zu den Häusern stieg er auf, glättete seine Kleider und ritt durch. Am anderen Ende kam ein Reiter ihm entgegen, stellte seinen Gaul etwas
schräg, daß Vaudreuil halten mußte. Courbisson reichte ihm die Hand. Einen Augenblick verweilte des Gouverneurs Auge auf Vaudreuils Stirn. Er sah, daß er grau geworden war an der einen Schläfe. Er, täglicher Kämpfe hart im Inneren bewußt, lächelte, sagte nichts. In der Nacht in seinem Haus wartete Vaudreuil am Fenster. Der Mond flog zärtlich aus der Waldnacht im Osten. Er sah ihm nach.
Wochen ließ er sein Geschäft laufen. Er sah nach, aber ohne die Schärfe des Blicks. Eines Tags widersetzte sich ihm ein Arbeiter ins Gesicht. Er nahm ihn mit sich in sein Büro. Sie sprachen zwei Stunden. Der Arbeiter kam heraus mit verändertem Gesicht. Nach drei Tagen übernahm er die Leitung einer Abteilung. Vaudreuil rüstete sich aus, schaffte zwei Wochen geheimnisvoll. Als er frühmorgens mit seinem Pferd den Garten verließ, stand der Arbeiter an dem Pfosten: „Nehmen Sie mich mit?“ Vaudreuil ward zornig. Dann beherrschte er sich, sein Gesicht ward versteckt, starrte über die Bäume nach Norden. Er schüttelte abwesend den Kopf: „Ich muß hier einen Vertreter haben“, er gab dem Jungen, dessen Augen hell und ärgerlich über die Abweisung waren, die Hand. Mit ein paar Eingeborenen schlug er sich durch.
Als die Flüsse auf Rindenbooten durchfahren waren, kamen Steppen. Eines Morgens glänzte Weiß. Es war der Churchilriver, den noch kein Europäer sah.
Er überschritt ihn. Zehn Tage weiter entdeckte er Pelztiere, durchforschte die Gegend, legte einen Schuppen, eine Kette Niederlassungen zur Küste an, brach weiter auf. Er kam zu einer Erdspalte, überstieg sie. Wie von Öl überglänzt, war die Ebene reich gegliedert von großen Seen. Wieder kamen Steppen. Am Rand blieben die Eingeborenen stehen und frugen achselzuckend, wohin er wolle. Er hieß sie schweigen und deutete nach Norden. Sie sahen ihn scheu an, folgten. Sie hatten drei Tage nichts zu trinken. Ein Indianer floh. Die anderen fingen ihn wieder. Er ließ ihn laufen mit so viel Verachtung, daß der sich hinwarf und flehte, er solle ihn nicht verstoßen. Aber er nahm ihn nicht weiter mit. Der Wilde folgte im Abstand, schlief, lagerte, aß mit ihnen. Am dritten Tag wurden die Stimmen heiser. Morgens tauchten drei blaue Punkte auf. Wilde nahten: hinter den Eisbergen sei das, was Menschen tilge . . . Er ward ungeduldig und schrie sie an. Sie senkten die Köpfe: er würde ein Greis, bis er die nördliche Küste erreiche. Sie wiesen Renntierhörnerkeule: es gäbe keine Tiere mehr zum Jagen, nur gefrorene Flüsse . . . Er zog die Brauen zusammen, daß sie im Dreieck standen. Es trieb ihn, er hatte keine Macht darüber.
Vier Tage zog er die Eingeborenen mit sich Sie froren die Zehen ab im Schnee. Sie wollten zurück. Er schalt: „Hunde.“ Sie zeigten ihre Füße. Er riß
die Brust auf. Sie neigten den Hals. Er entließ sie. Im Abstand nur folgte ihm der eine, den er verjagt. Eines Morgens fehlte auch dieser. An diesem Tage traf er Eskimos. Er machte ihnen Zeichen. Noch eh er zu trinken bat, grub er das Zeichen des Meeres in den Schnee. Sie schüttelten den Kopf. Er würde den Punkt nicht erreichen, wo die Unendlichkeit der Ebenen und die Einsamkeit seines Herzens Europa am nächsten seien. Er würde nicht den magischen Pol seiner Sehnsucht erreichen, den sein Herz unruhig suchte, ohne daß er wußte, zu welchem Ziel, in welchem Sinn — — — er sah einmal den Kreis langsam herum, dann fiel er ab. Sie schleppten ihn mit sich südwärts. Als sie Lagerfeuer sahen, plünderten sie ihn aus, eh er ihnen schenken konnte, was sie nahmen, ließen ihn liegen. Halbverhungert wälzte er sich weiter, schrie und verlor die Besinnung. Am Morgen sah er, wie die Indianer aufbrachen, er erhob sich und winkte. Sie sahen ihn nicht. Als aber sein Leben dahinschwand mit den verschwimmenden Konturen der Zelte und Haarbüsche, kam die Kraft über ihn, daß er lief wie ein Ochse, sie erreichte, dort zusammenbrach. Sie pflegten ihn durch, zwei Monate lang. Es waren Iroquois. Als er gesund war, hob er nachts ein Zelttuch, sprang hinein, entzündete den Schwefelspan, hielt ihn in die Ecke. Eine Frau stand auf, der schlanke Brüste wie Zitronen saßen, die den Shawl mit einer gleitenden Leichtigkeit