Nun schlug sie die zweite Umwegstour und machte sich an die Nurse, nannte sie Miß und schenkte ihr Tücher. Gab ihr einen Spiegel. Schwabbelnd hing die Nurse an ihren Röcken, sprach nur noch von ihr. Die Kinder lachten. Da machte das Weib die umgekehrte Taktik, versuchte die Nurse auszutreiben, weil hier der Liebespol der Kinder lag, den sie umleiten wollte. Sie nannte die Nurse Diebin, machte aus dem Spiegel eine verdrehte Geschichte. Aber mit Feuer traten die Kinder vor die Nurse. Das Bild der prallen Brüste, aus denen sie erstes Blut gesogen, lag ihrem Hirn so eingebrannt, daß kein Verdacht, selbst keine Tat es hinausgewischt hätte. Dies gab einen vollen Riß. Über ihn hinüber lauerten die Beiden. Da versuchte die Gouvernante das letzte, doch es war hirnlos. Sie rückte sich dem Gestirn zu, aus dem Schatten nach Vaudreuil, suchte ihm aufzufallen, an ihm sich zu halten. Er sah sie nicht.
Nachts kratzte es an Daisys Tür. Sie öffnete. Syg gab das Zeichen. Daisy zog die vom Weib verbotenen alten Seidenkleider an, sie verließen auf bloßen Zehen die Zimmer, zwischen denen das der Gouvernante lag. Mondlos. Dünne schwarze Schatten liefen sie unter dem Himmel. Zwischen Sternen
schossen unaufhörlich Wolken. Sie hatten nasse Füße vom Grastau. „Syg . . . sieh.“ Sie hob die Hand über die Augen, die Nasenflügel bebten. Feuergeruch schwebte mit kleinen Rauchsäulen hintereinander deutlich herauf. „Weißt du es, Syg?“ Syg nickte.
„Weither?“ Syg starrte, sagte leis: „Viele Tage.“ Daisy legte die Handflächen auf den Mund. Aus dem Dunkel kamen breite große Flächen. Um die Ränder band sich weißer Rauch, sodaß es schien, sie flögen, dazu wellte der Fluß Nebel in zuckenden Linien um sie hoch. Die offenen Feuer schlugen in den Dampf hinein; brachten ihn zum Feuerexplodieren, Fächerstrahlen, Prismenschleudern. Gestalten huschten herum, sprangen schwarz von einem Ende zum andern. Ein riesenhaftes Ruder ward erfaßt von der Flammenspiegelung, bis an den Horizont aufgeschwungen. Lautlos glitten die Flöße so herunter.
Syg legte sich auf den Bauch. Die Stille summte von den Weiden herab. „Los“, stampfte Daisy ungeduldig. Syg legte die Wange gegen die Erde, stellte die Zunge gegen den Backen, ließ sie dann herausfahren. Zwei wimmernde Töne stiegen steil durch die Luft! „Pha . . . lux.“
Auf dem Fluß erfror die Stille. Eine Sekunde setzte der Flußlauf aus, gebar sich Leere, atemlos. Dann flog der gleiche Ton auf, langsam, weich und gedehnt am Anfang, zitterte auf, sank ab. Das zweite
Floß fing ihn auf, ließ ihn nicht verhallen, setzte in der leisesten Verhallattitüde ein, schwang ihn hinauf, warf ihn hinter sich. Das dritte bog ihn, ferner schon und daher wehmütiger. Er schnellte den Fluß hinauf in Springkurven, fiel irgendwie in den Horizont, dessen Mondaufganglicht ihn hochsog.
Sie gingen Hände ineinander zurück, Syg mit Tanzzucken, das sie unterschlug, im Knie. Im Korridor stellte Daisy ihren Fuß genau so, daß sie mit dem anderen ihn schnitt. Stolperte, schlug mit den Händen gegen die Wand, stieß einen Säbel herunter. Syg hickelte erschreckt. Halbangekleidet stand die Gouvernante im Gang, mit strohigen Zöpfen, ein dünnes Nachtlicht in der Hand: „Woher?“
„Vom Garten.“
„Was war im Garten?“ Nichts war im Garten. Lauerndes Schweigen. „Syg,“ sagte die Gouvernante, die Stimme überschnappte sich. „Wir waren beide im Garten,“ sagte Daisy schnell. „Syg,“ ihr Licht schwankte, sie keifte. „Hier,“ Daisy warf Syg zurück, wiederholte Sygs dunklere Stimme, drang ins Dunkel vor, empfing zweimal die knochige kalte Hand ins Gesicht. Am Morgen saß sie auf der Terrassentreppe. Am Auto küßte sie sich mit Vaudreuil, gingen die Treppe hinauf. Als Vaudreuil sie vorgehen ließ durch die Tür, sah sie schräg zurück: „Was sagten Sie, wenn die Dame Syg schlüge?“ Eiskalt, neugierig ihr