Zum vierzehnten Geburtstag schenkte Vaudreuil ihr ein eigenes Pferd. Abends ward sie ohnmächtig. Das Blut verließ zum erstenmal die Muttergrube, sprudelte aus ihrem Leib. Drei Tage lag sie. Als sie herauskam, war sie Frau. Auf der Haut saß ein glatter Reiz, um den Gang floß ungewisser Zauber, wiegte hinter ihr her noch wie Zurückgebliebenes. Nur die Augen wurden heller, besaßen mehr Kraft und Wissen zu durchdringen. Sonst zog sich alles von oben zur Brusthügelung, unten von Fuß und Knie und Hüfte zum Mittelpunkt des Leibes hin zusammen, sodaß das Weibliche, Auffangende und im Wechsel Hingegebene deutlich ward.

Das Fräulein spielte große Kantilenen. Die Wochen wurden lang dadurch und hingezogen. Es war, es käme Erlösendes, Rufendes von fern. Erlosch wieder. Die Jahreszeiten änderten sich, öffneten wie Kapseln ihr Gehäus, gebaren, stäubten ab, doch das Geheimnis, das ihnen innelag, äußerte sich nicht. Das Haus ward eng unter vieler Musik. Sie schlug den Blick

zum Plafond, haßte Klavier und blonde Haare, aber sagte es nicht aus Bedauern. Auch der Garten war schon Grenze und selbst das Hinundherreiten, das ins Wunderbare ging und endete, hatte schon das Bekannte, hatte Meilensteine, Hürden, an denen es zerschellte und vor denen das Weite erst brüllend vor Verhaltenheit lag.

Noch ritten sie um das Rondell, sattelten selbst. Schon lag der Zauber halb verblättert, reckte darüber her anderer sich schon bitter, lockender und schwerer im Blut aus der Unbekanntheit her auf, ohne daß man wüßte, welcher, woher. In einer Lichtung bekamen sie Durst. Syg fand einen Ahorn, schälte ihn an, bohrte ein Loch hinein. Aus einem dicken Halm sogen sie den gelblichen Zucker. Als sie, satt, nach den Gäulen sah, umdrehte, starrte Sygs Kopf glasig und eingefallen. Die Kupferhaut war molkig. Über ihrem Kopf saß unregbar mit vorgeschossenem Kopf, noch schwebend, die Schlange. Daisy sprang vor. Nun war ihr, sie fliege. Nun kam, erhob sich Unbegreifliches, streifte sie mit Seligkeit. Ein ganz leiser Schrei verließ den Mund, die Augenbrauen standen im Dreieck. Grau und kühl, flimmernd, neigte ihr Blick sich gegen den des Tieres. Der Baum raschelte, es pfiff und klapperte im Geäst. Auch Syg drehte sich nun ihr zu, weinte in ihre Hand. Aber sie fieberte noch auf dem Pferd, hatte Aufruhr in den Knien, wogte mit der Brust.

Unglücklich verging die Nacht. Es war aufgestanden in ihr etwas, hatte sie gestreift, sie wußte nicht, wie, wo, welche Sache. Es hatte gebäumt und sich geduckt. Sie fror.

Die Siebzehnjährigen bestiegen einen Dampfer, den Brown gechartert hatte, weiß wie Porzellan. Sie reisten ins Innere. Das Fräulein, der Lehrer bezogen Kabinen. In hellen Kleidern lehnten die Mädchen am Reeling. Vaudreuil winkte herauf vom Land. Browns Arme schlugen Rudertakt. Daisy schmollte den Mund schief. Noch einmal: „Komm“. Vaudreuil lachte, schüttelte den. Kopf. Man fuhr los. „Pa kommt nicht mit“, sagte Syg. In Daisys Stirn fiel eine Locke: „Du solltest dich nicht weiß anziehen. Du bist zu dunkel. Nimm blau.“

Vier Tage fuhren sie den Lorenz hinauf, die Hitze um sich, weiß. Abends ankerten sie spät, um solang als möglich Fahrtwind zu haben. Dann kam die Nachthitze traumhaft. Die schwüle Ruhe lastete mit sprengender Unausgesprochenheit. Spät kam ein Dachs ans Ufer, hob die Ohren, legte den Kopf fast auf die Luft, so weich, soff dann. Als nichts zu sehen mehr, erhob sich das Schlürfen anderer Tiere. Mit jähem Luftdruck schwebte ein Fregattenvogel von den Wellen glatt übers Deck. Aus dem blauen Dunkel formte sich Figur, Geschehen. In weiten aufschwellenden Kreisen vollzog sich Manches, nicht gesehen, aber gewußt und

geahnt. Das Ufer, das versackt drüben lag, spannte sich herüber, kam hergeschwebt, riß zurück. Das Gebrumm der Mücken über dem Schlafnetz steigerte sich, bis, mit allem verwoben, es eine Höhe erreichte, die sich selbst nicht mehr ertrug. Da schlugen aus der Spannung von Masten, Geländerspitzen, kleine blaue Flammen auf.

Das Erregte ward nun lauschend, erwartungsvoll. Mit großen Augen überwanderte sie den Dunkelheitsbogen. Ihr Herz machte sich heran an jeden Laut, mit jedem Geräusch ging es hoch und tief. Schlug mit dem Gesäusel des abfahrenden Wassers an Backbord, mit jedem Astwedel, der schauerte. Doch kam es auch zurück. Sie fühlte in sich, als geschähe es in ihr, das träumerische Aufschnellen der Fische und das jagende Husch, wenn ein Nachtvogel die Seile durchschwamm. Irgendeinmal in solchen Nächten schlief man dann ein.

Nun kamen Inseln. Smaragdgrün und gelb war der Strom getupft. Sie loteten den Tag durch. Gemischtes aus unbekannten Blumen und Wasserfäule lag als Barriere davor, erstickte sie fast, als sie eindrangen. Betäubendes Labyrinth von Kanälen umgab sie. Die Inseln wurden kleiner. Ach diese, ach jene, deuteten sie, und schon war alles verwirrt, erkannten sie die erste nicht mehr. Sie sahen keinen Boden. Es wucherte nur. Nachts hingen Schlingpflanzen herunter,