Der Winter nahm Kurve auf Karneval, steigerte mit jedem Tag, den er vortrieb, das Gedrängte, Erhitzte. Männerstimmen jauchzten aus Schlitten zu, die die Gegend überkreuzten. Aus Pelzen hoben, winkend, beringte Frauenhände Tücher. Schellen überflirrten die Nacht. Auf Stahlringen der Flüsse kerbten Kufe. Damen fuhren mit Meuten, die vorrasten, sich überschlugen, Haken bogen, von Lachen aufgereizt, verärgert wurden, bis sie sich verbellten am Schlag wie ein Wespenschwarm. Pistolen funkelten in Wintersonne, schossen Salut am Portal. Illuminiert, aus jedem Loch Licht stoßend, hingen die Häuser der Seigneurs am Horizont. Kostüme kamen, bliesen Tuben.

Vier Fackelträger stiepten die Glut durch die beißende Luft. Alf fuhr sie in einer Kurve vors Portal, die Pferde stampften in einer Wolke, spritzten Schaum. Syg trug blaue Kleider. Diener stürzten auf die Treppe,

zwischen Kerzen über Treppen. Der alte Fribaurt führte Daisy. Syg hatte sein Sohn, dessen weibische Lippen lächelten, ihre Knabenhände nachbebten, als sie eine Orange ihm schnitt. Im hohen Fensterbogen sah Daisy sie vorbeischwimmen, ihre Zähne leuchteten, den Körper eingespannt in den Schwung des Partners, ihr Gesicht glatt wie Frucht. Sah Syg hineingleiten in Unbekanntes, ohne Widerstand, ohne Bewußtsein, aufklingen in der Saalluft, Fremdenlust, Manngetanz. Sie zog die leise aufschwebende Linie zwischen Auge und Schläfe mit dem Finger aus. Im vierten Gang der Familienquadrille blieb ihr Blick im Fenster, ihr Fächer fiel, ein kleiner Schrei, die Paare verwirrten sich, das Arrangement schoß zum Teufel, die Augen suchten an ihr. Sie deutete auf den Fächer, der alte Fribaurt küßte ihr, zornkochend, ehrfurchtsvoll die Hand. Sie aber suchte sich noch einmal hineinzubegeben in das Umfassende, das sie nicht faßte. Sie spannte sich ihm entgegen mit aller Kraft und suchte es zu erreichen. Nahm den Arm des spanischen Vetters, gab sich seinen Pas hin, der Eleganz seiner ungewöhnlichen Kurven, schaukelte, am Platz drehend, durch alle Voluten der Geschmeidigkeit, trieb mit ihm in die Entfesselung der letzten Äußerung ihrer Körper. Zog zugleich die Kraft an und den Willen, tastete, drang vor, erreichte nichts, erreichte Fremdes, glitt ab mit der Seele. Sein Knie schob sich zwischen ihre Schenkel.

Sie ließ die Arme los, die Nasenlinie ward schärfer. An der Ballustrade erwartete sie Syg.

Alf auf dem Rücksitz kreuzte die Arme im Muff, Daisy führte, das Eis schimmerte rosa. An der Ecke der Bucht knirschte das Eis, flimmerte im Frühlicht, wurde tief, herb, hielt drei Meter, brach. „Pha . . . lux.“

Sie blieben sitzen. Alf kniete auf dem Eis, haschte die Schlinge, zog sie an. Riß dem Gaul die Adern am Hals zusammen, zog sacht, langsam den Hals des strampelnden Tieres hoch. Der Bauch schwappte, die Beine traten immer mehr Eis hinein. Alf machte eine gewaltige Bewegung, das Tier ward ohnmächtig, ruhig, ging unter. Nun zog ers herauf, schleifte es aufs feste Eis, schlug die Schlinge ab. Massierte die Schlagadern am Halsstrang. Das Tier röchelte, schnappte tief Atem, sprang plötzlich auf die vier Beine, fing sich in der Kandare. Sie fuhren weiter. Syg klatschte mit den Nägeln auf den Daumenballen. Da brach das Eis zum zweitenmal. Alf würgte das Tier, um es zu retten, zog es herauf, frottierte es ins japsende Leben zurück. Als sie auf das Haus zu hielten, zog Vaudreuils Auto, vom Lorenz her, die Schleife am Fluß. Sie stiegen zugleich aus.

„Zweimal mußten wir das Tier erdrosseln,“ Syg küßte ihn. „Zweimal“, lachte Vaudreuil, schlitzte die Augen eng zur Seite. Daisy war bleicher, aber schöner, gespannter als Syg.

Der Winter kulminierte, schwang auf der Kurve noch, floß herunter. Ging vor den Fenstern irgendwie, irgendwo zu Ende, krepierte in den Mulden südlich, fraß sich satt noch hinter dem Waldgurt zum Hudson. Irgendwelches geschah, rauschte, färbte sich mit Männern und Frauen und Pferden hinter dem Glas, das ihrem Atem sich zuwölbte. Manchmal gings in der Nacht über den Horizont hin, wälzte sich, glühte sich breit aus, manchmal surrte es in der Saublutsonne, manchmal war es unter sackendem Schnee, brüllte um den Himmel, jagte an den Bäumen. Sie hob die Achseln, ging zum Stall. Das Eis sprang bis hoch in den Norden. Alf wartete mit Gäulen. Abends kamen sie von der oberen Mühle. Der Boden war fester. Blitzende Wolken flirrten zag und dünn herbei. Hirsche scharrten um eine verdeckte Quelle. Sie umschlich, kam heran, schoß nicht. Schoß einen Dachs, trug ihn ins Speisezimmer. Vaudreuil erlaubte den Ausflug mit Alf zu den ersten Faktoreien. Ihre Schenkel waren stark, sehnig, gereckt vor Grazie und Grausamem, die Hüften in beispiellos abfallender Glätte. Zwei Tage sattelten sie. Alf pfiff die Hunde heran, zurück. Ordneten, stapelten. Telephonierten, packten die Säcke für die Tiere, Teppiche, Pelze. Am vorletzten Tag kam ein Segler den Ottava herauf.

Unter den Hurras wimmelte es an Helmen am Anlegeplatz. Brown schwebte auf der Veranda, breitete

die Arme, rief, was keiner verstand. Die Torontoner Studenten kamen in einem überlieferten Zug, vorn ein Dudelsack, dann zwei mit am Rücken gekreuzten Armen, hinten ein Trommler, ein Schaf, ein Kind, unterm Arm einen grün bemalten Hahn. Ans Tor kam der Marquis, empfing, lächelte ein wenig. Es waren Engländer.