Sie überschritten den Steg, ein schmales Tal schmiegte sich entlang, am Ende ein Tor. Die Türen sperrten, die Nacht zischte in der Laterne, die ihr Gesicht überflog,
das Licht fiel auf die Tafel, das Gegentor schoß auf. Die Ebene lag vor ihnen. Sie lächelte. In seine Hand gab sie die Tafel, sie konnte sein Gesicht nicht sehen, später erst ward der Himmel heller, fiel weiß im Bogen gegen den Grenzfluß. Unter dieser Bewegung spürte er, daß das Unwägbare in ihr, was er gesucht und nie erreicht, solang er gezwungen, ihm näher nun, wo sie sich über ihn schwang, war als je. Dies schlug ihn ganz zusammen. Sie übersah es. Blieb die gleiche. Frug ihn nach Weg, Leitung, gab ihm die Führung, folgte ohne Zögern. Sprach ruhig zu ihm von Wäldern und Flüssen und Dingen, die sie umgaben. Von sonst nichts. Sie häufte alles auf ihn, was ihm das Ansehen, den Ausschlag, die Leitung gab. Als es ihn zu sehr bedrückte, ergab sich eine stillschweigende Harmonie, sie wünschte, er tat, aber sie zeigten, sprachen es nicht aus. Er verstauchte das Knie eines Tags. Sie blieb erschrocken, da fraß ihn das, was ihm Komödie schien, ans Herz, er brauste auf, die Schläfen wölbten sich, die Fäuste wuchsen. Sie aber unterzog sich dem ohne Betonung, demütig, nahm es hin wie vorher. Dies wischte seine Erregung weg, und von diesem Augenblick blieb er in einer gefaßten Ruhe, die jede Schwingung seines Blutes in einer ehrfürchtigen Entfernung hielt. In diesem Gefühl fand er sich wieder, wurde stolzer, sicherer, und so empfand er die Entfernung, die sie wirklich von seinem Erleben trennte und zu deren Aufstieg der große
Weg ihn noch trennte. Von weißem Licht bespült, fast unirdisch in der Ruhe der Fächerabende kreiselte ihr Floß, dessen Ränder sie bewohnten. Der Himmel hatte die Farbe des Perlhuhns, seiden in der Berückung der Flötendämmerung. So entglitt sie ihm immer ferner, je tiefer er sie in Wahrheit erkannt und empfand, und indem sie das sprengte, was er bis zu diesem Tage als höchstes Vertrauen seiner Kraft in sich hielt, befreite sie in ihm die Freiheit, die mit schmerzlicher Glut ihn ganz erfüllte. Aus einem Abend stachen Dampferlichter. Unter senkrechter Flamme entzündete sich ein Hafen. Eine Stadt mit Musik, Cafés, Papierlaternen und Lichtern kam aus der Wölbung. Als sie in der Bahn abfuhr, sagte er wie im Garten Guildendaals: „Du bist der Wirbel, der mein Leben einfängt“, aber er sagte es mit einem schmerzlich veränderten, zu anderen Entschlüssen umgebrochenem Gesicht. Sie nickte zurück. Aus dem Aufschlag ihres groß bewimperten Auges blieb eine träumerische Bewegung in der Luft, die bald rot ward. Die Ebene glitt in dunklem Samt zurück, der Himmel berauscht, bebend wie eine Trommel, grau mit tierischem Glänzen der Fluß. Sie schloß die Augen und es kam nur das lösende Gefühl mit grenzenloser und gütiger Kraft: Schlaf.
Sie sieht ihren schmalen bronzenen Körper im tiefen Glanz des Spiegels erscheinen. Sie reißt das einzige, was außer der leeren Halskette an ihrem Leib ist, von ihrem langen Schenkel über dem Knie das Band, zieht die Schließen an. Verkauft die zwei Perlen. Im Palankin fährt sie ins Hafenquartier, klopft, verschwindet. Fährt im Männeranzug im Wagen zurück, mit dem kurzgeschnittenen Haar einem Mischling gleichend, zu einem Magazin, füllt einen Koffer, fährt zu einer Pension, nimmt einen Raum. Dort klirrt die Glocke des Rockes um ihre Hüften, zögert die wundervolle kleine Brust in der Bluse. Da reitet, ißt sie als Herr.
Ihr Mund hat einen hinreißenden aufbrechenden Zug. Das Auge sucht, hebt sich, erstarrt, sinkt. Von zwei Seiten durchwühlt sie den Menschenhaufen. Er fällt nicht vor ihr zurück, gleitet nicht mehr ab. Sie reißt, aus der Einsamkeit her gesammelt und hoch schon über jeder Enttäuschung, zu sich jetzt, was sie erwittert. Das Auge glättet, schmeißt auf, enthüllt, zerlegt . . . die Pupille sinkt. Innerlich voll Spannung, fiebernd erregt. Nach außen, von vieler Erfahrung her, demütig überlegen. Als Frau zieht sie den Mann an allen Instinkten, reizt ihn mit Geist, mit der Drehung der Hüfte. Spürt seinen Blick im Ausschnitt, im Nacken. Sieht den Mut seiner Erregung, führt ihn, zieht ihn nach, sieht endgültig vor Zielen, Aufgaben ihn entflammt
— spürt aber, mäßigt sie ihr Blut zu Kühle, ihn zurückgeschraubt im Thermometer seiner Begierde. Die Pupille sinkt. Sie bohrt von der anderen Seite sich ins Geheimnis. Selbst in der Maske des Mannes desavouiert sie ihn in seiner Beziehung zur Frau. Erst hinter dem Weib, das ihn aufschwänzt, in der Einstellung auf Bauch und Besitz ihn als Klasse sofort uniform macht (wohl auch riskant und alles in die Wagschale werfend, doch nur spielerisch und daher unbestimmt und ohne Verlaß), dahinter erst entdeckt sie den Mann. Ungestört von weiblicher Schwingung trifft sie die Nüchternheit seiner grauen Stunden, die Lüge seiner Frische gegenüber Weiblichem. Teilt seine Barnächte, Dürftigkeit seines Spiels, die Phantasielosigkeit seines Hirns. Außerhalb der Polspannung der Geschlechter empfindet sie die Indiskretion gegen jede Frau, seine Kameradschaft gegen das Weib. Sie konsumiert mehr Menschen, ihr Auge wird heißer im Erkennen, die Pupille sinkt. Ihr Leben wird rastloser. Sie weiß, der Mensch versagt, und Enttäuschung peitscht sie auf. Lauschend sitzt sie in den Ecken. Aufmerksam verfolgt sie die Ereignisse der Straße. Sie mischt sich, wo Meinungen kreuzen, Kräfte aufeinanderstoßen. In Nankingkleidern treibt sie sich am Hafen hin, kommt arbeitend an die, welche der Instinkt der anderen als Überlegene, Wollende, Visierende zeigt. Treibt mit Smith vier Tage um die Fischeransiedlungen,
hört, öffnet ihr Ohr weiter, stärker, erreicht die Grenze. Starrt ihn an, die Pupille sinkt. Kehrt zurück zu den Baggern, Transportern, aufgeregter Meute in großer körperlicher Bewegtheit Schaffender. Schwenkt ab zu den Stillen, Vergrabenen, an Maschinen, in Kellern, Hangars Angeschmiedeten. Findet Abgegrenztes. Wo Ziele sind, schwach fundiert. Erstrebtes nur im automatischen Gang. Hinter dem Programm das Nackte, Ehrgeiz, Erfolg des Ich. Sie rettet sich in einem Bogen, mischt sich unter die Weiber, trägt Armband, Ringe, duftet, rauscht mit Dessous. Nur Holzbein, Titus und Zwicker denken, und die Ergebnislosigkeit solch nüchternen Schwungs stößt zurück. Doch sie läßt sich nicht schrecken. Die Menschen versagen. Aber sie hält nicht. Will. Muß.
Mischt sich in einen Streik, schmiegt sich an die Leitung, spürt, wittert, die Pupille sinkt. Schon mißt sie den Einzelnen, den sie sieht, auf seine Befähigung, richtet ihn nach ihrer Forderung, fast nach dem Geruch, durch den untrüglichen Instinkt, der sie vorwärts führt. Sie sieht einen Gentleman einen Hund mit Lebensgefahr retten, pflegen, säubern. Sie schließt sich ihm an. Sein gutes Herz sieht nur den blinden Einzelfall, spannt sich nicht aus. Sie zuckt die Achseln. Nicht genug. Die Pupille sinkt. Im Klub mit Abenteurern spürt sie Fabelhaftes, aber es vollzieht sich nur aus Rausch. Verschwenderisch, doch unbrauchbar. In der Tiefe die
wilde Grimasse aus Kneipe und Bordell, die sich einsetzt und stirbt, nur Aufflammen ungezügelten Instinkts. Traf sie auf Ideen, waren es Schwächlinge, Schwärmer, die Locken nach der Sternansammlung schwenkten. Kein Handgelenk und Griff. Die Pupille sinkt. Sie sucht nicht für sich, denkt nicht für sich, wird unermüdlicher, gläubiger. Leid, das sie aus jeder Stunde anschreit, wirft sie nicht um, hetzt, feuert sie an. Empfindsam, gleich einem Apparat, zeichnet sich auf sie ab die Struktur des Daseins, sie mißt, urteilt, findet den Hebelpunkt — weint, daß sie eine Frau ist. Lächelt über die Hilflosigkeit des Geschlechts, beißt den Mund fest und sucht heftiger, strackser. Schon wachsen Ansätze zu Plänen. In der Dürre des Erfolgs selbst beschwingt sich ihre Seele zu größerem farbigstem Feuer. Wohnt in Baracken, wohnt im Hotel als Dame, wohnt an der Quarantäne. Wohnt ein Stück im Lande. Sieht fischende Frauen im Abendlicht mit Bastkörben von Stein zu Stein springen. Boote vorüberfahren. Dampfer rauschen. In der Pension als Reiter. Seglerin des Hotels. Lernt aus jeder der Sekunden. Sieht den Saft aus der Erfahrung, bekommt schärferen Glanz, mildere Schönheit ins Auge, reift mit Brust und Hüfte in eine schlanke Rundung. Prüft, hofft, verwirft. Spannt sich in den Glauben mächtig zum Dehnen. Die Pupille sinkt. Das Lid hebt sich. Die Figur eines Kapitäns schneidet sich aus einem Dampfer. Der Schall eines Agitators verzückt
erregt. Das Raunen einen Slowenen in einem asyle de nuit sinkt ins Blut. Die Haltung eines Kaufmanns zu seinem Diener verblüfft. Der Blick wird grau, das Dreieck spannt sich über die Stirn. Die Pupille erweitert sich, erschlafft. Sinkt. In einer Barnacht singt die unsterbliche Stimme eines Dichters die Brüderlichkeit. Am Meer ist seine Seele läpsch wie ein Schalet. Sie folgt einer Revolte. Es sind Betrunkene. Sie wohnt an dem Segelhalteplatz, beim Sport. Wohnt in einem kleinen Garten mit Holzhaus, wird braun wie die Eingeborenen, sieht die Haut der englischen, indischen, französischen Frauen. Folgt zwei singenden Vögeln. Die Heide schlägt sich um sie auf im Abend. In der stürzenden Dunkelheit bauen zwei Parteien ein Duell, legen Knipslaternen auf Steine, reißen zwei Lichtkegel zwei Figuren aus der Dämmerung.