Ein Schuß pitscht. Sie weicht zurück, fast umgeschleudert. Ein Auto biegt vor dem, welcher schießen will. Ein Arm aus dem Auto greift die Hand, schleudert die Pistole mit einer unbeschreiblich ablehnenden Gebärde auf den Rasen, springt hinaus, tritt darauf, reißt den Mann mit sich in den Wagen. Sie hört ihn sagen: „Ich habe andere Aufgaben für dich.“
Die Pupillen stehen weit in Kreisen glasig erhellt, offen, bekommen Facetten, glühen vor Licht.
Sinken nicht. Sie springt in den Wagen. Sie nehmen
sie kühl auf. Sie sieht nur den einen. Sie sitzt den Abend zusammen mit Gordon, Raffaeli, Di Conti. Die anderen schweigen. Di Conti spricht. Gegen Mitternacht werden außer seinem die Gesichter mißtrauisch. Ihres glüht. Mit schief im schwarzen Bart gestrecktem Mund fragt Raffaeli: „Was geben Sie?“ „Mich!“ Gordon umreißt mit gierigem Blick ihre Figur. Raffaeli zuckt die Achseln, die Nase biegt sich skeptisch in den Flügeln, vibriert. Di Conti wiederholt die Frage kalt. Da lächelt sie, verschenkt sich an sein Gesicht mit aller grenzenlosen Hingabe. Die von keinem Sou des Angehäuften seither nahm und lebte, sperrt auf die gesamten Depots.
Jeden Traum sah sie in seiner Hand schon fertige Waffe. Keine Ahnung, die ihm nicht schon zum Abfeuern geladener Plan. Sein Glaube war so ungeheuer, daß er ihn schon jenseits der Ekstase mathematisch beherrschte. Aus dem Herz die Flamme gerann ihm im Hirn. Seine Kühle war unbeschreiblich über dem barbarischen Feuer, das gebändigt darunter tobte. Selbst Raffaelis fanatische Unerbittlichkeit schmolz, Gordons nicht ausmeßbare Aktivität folgte nur seinem Druck. Ihr schwindelte, wenn der Tag sie in die fassungslose Nacht entließ, wo ohne die Gemeinschaft das Ganze in Schlagschatten
zerrann. Ihm war, was sie als Entfernung der Welten ohne Brücke sah, aus ungeheurem Wollen geringe Distanz geworden, ihm gab es keine Hemmungen in seinem Bau. Hatte gewogen, geschaut, gedacht, die Rechnung gefertigt, die Summe gezogen. War kalt geworden, bedacht vor Ergebnissen. Trieb nun vor. Sah in dem Ruhenden, Daseienden, im Pathos bloßer Tradition den Feind, das Erwürgende, sprach gelassen gegen die Schwerkraft, gegen die Anziehung der Kräfte. Stemmt gegen die drehende Erde sich mit der Kühle des Überlegenen wie am Schalter eines Automaten. Ihr kam nachts, daß aus der ungeheuren Kraft seines Wollens, die alle überströmte, er in die See hinaus, die Tag und Nacht die Fahrt umschäumte, neue Bewegungen, seinen Rhythmus und Zweck dem Schiff, den Schornen und der Flutung diktieren könnte. Er stand am Schalter, wies ihr die Spannungen, die Drähte, sogar die Klingelzeichen der unterirdischen Erregungen. Der Traum machte ihr sein Bild wahnsinnig. Gordon, der von Marokko bekannt, verfolgt war wegen Desertion, Aufruhr, Agitation, ging morgens neben ihr auf dem Verdeck, ließ sie das Spiel seiner Muskeln spüren, Feuer und Lust seiner Kraft, in diesem Kampf zu führen. Doch Di Conti gewann ohne Kampf, besaß mit Nichts. An ihm fand sie die Lösung. Er drahtete vom Schiff, diktierte, erklärte, schrieb, zeichnete Karten, sah auf, lächelte
beherrscht. Gordon trat mit englischem Backenbart aus der Kajüte, ging geschnellt auf den Ballen, sprach deutschen Dialekt, hatte einen Steckbrief wegen Agitation im Heer. Raffaeli sah das Meer nicht, sah nach innen. Das eigene Vaterland ließ Di Conti kühl, es lag an der Peripherie, entwickelte sich im Lauf des Zentralproblems, fiel später unter Raffaelis Durcharbeitung. Er selbst zielte aufs Herz Europas, stach nach Paris, um von dort das Blut in den Körper des Erdteils zu treiben. Für die asiatische Welle hatte er Aufmerksamkeit, nicht mehr, empfing Depeschen aus Genf, lauschte auf Berichte der Vertrauensmänner, verglich, maß die Stadien der Siedespannungen am Barometer, verglich die Leidenschaft der Massen, gab Ordres, zögerte, tat einen Ruck, setzte andere Spieler ein. Zielte zuerst gegen den Kitt, die umfangenden Reifen, die Macht, das Militär. Rettete darum Gordon, der den menschlichen Bruch und Riß trug, im Persönlichen so schwach zu sein, daß seine Eitelkeit ihn in eigenen Dingen das allgemeine verleugnen, in jede Tollheit sich werfen ließ. Hatte die Organisation es aufzuschälen, die Schaukel dann aufzutreiben, die aus Jahrhunderten rotierende Gesinnung zu stürzen, Massen aufzuwerfen, gerecht die Erde zu nivellieren. Das Leid der Irren, Kranken, Sklaven, falscher Sehnsucht endete hier. Sein Paradies war willkürlich, geschaffen, diktiert, es kümmerte ihn nicht. Gegen Raffaeli hatte er die Kühnheit zum weiteren
Schritt, die Gerechtigkeit zu verleugnen, um sie endgültig einzusetzen. Sein fachlicher Befehl, der Definitionen verachtete und aus der Berechnung, die tausendfaches Gefühl ihm geformt, sprach, war bestimmender als Raffaelis Glut. Er kannte nur kalt Herrschende und Blinde, die sich nicht befreien konnten, da ihre törichten Herzen die Erkenntnis zum Handeln nicht zu fassen wagten. Er trug darum die Verantwortung seines Entschlusses mit präziser Automatigkeit. Zwei Tage vor der Landung kamen Nachrichten von Gärungen in Lyon, am folgenden putschte Marseille im Hafen, in Nancy erschoß ein Unbekannter einen Oberst. Mit zusammengepreßtem Herzen, zitternd, sahen sie das Land. „Es ginge nicht ohne Sie“, verbeugte sich durch die Dämmerung Raffaeli mit Schätzung und Verachtung zugleich auf das Geld, mit dem er arbeiten mußte. Es wurde dunkler, Laternen blitzten. Di Conti stand an der Reeling, hielt ein Papier in der Hand. „Gott selbst könnte sich nicht widersetzen. Wagte er das Sinnlose, seine Welt liefe taub aus. Eine furchtbare Gonorrhöe.“ Er hatte den Kopf zurückgeworfen, sein Mund war blaß geworden vor Zusammengedrängtem. Die Nacht sprach er mit ihr zum erstenmal allein und lang. Sie ward erfüllt von dieser Stunde, daß ihr Leben sich verankerte in ihr. Nie verließ sie das, nahm Besitz von Blut und Kräften in einer Durchdringung, die fast den Mond und den Meerraum mit hineingab in
sie. Bei der Ankunft wehte irgendwo eine Flagge. Ein Kind strauchelte und stieß Raffaeli. Der Portier hatte Briefe, nahm eine Perücke ab mit einem Zeichen innen. Drei Tage darauf meuterte ein Regiment in der Aube. Gordon wurde verhaftet. Di Conti schlug zu.
Als sie den Boulevard heraufkam, stand, die Hände über den Augen, Raffaeli an der Ecke. Sie nickte. Er verschwand. Um zehn Uhr betrat sie das Cafe Rue Guijas. Drückte sich bis zur Wand, schob die Achsel vor. Vier Frauen standen am Schießapparat, zielten, schnellten den Hebel, schossen für einen Sou die Freimarke zum Café für vier. Sie gelangte ans Büfett, ein Mann stieg vom hohen Stuhl. Sie kletterte, der Neger im Hufeisen ließ eine Tasse in der Schiene gleiten, ein Porzellan mit Gebäck, erhaschte sie mit einem Schielblick, schob einen Brief nach. Sie hatte Röte an den Schläfen. Sah fest nach dem Eingang. Während Mädchen an den Wänden hingen, sangen, plärrten, Queues das Billard umkreuzten, trieb trotz der Frühe eine Unterschicht herein, breitete sich aus, füllte heftiger, ein Zittern durchlief die Körper der Gruppen. Sie drängte weiter. Auf der Erde wieder wand sie sich herum auf dem Absatz. Der Ire stieß sie zur Seite, brach sich zum Apparat durch, griff