den Studenten am Apparat, der, eingeschossen, gewann, an seine Brust, stemmte ihn hoch, warf ihn hinaus. Sie sagte etwas, fast laut. Ein Mann nickte. Ein Mann sah sie fragend an. Sie gab ihm einen Zettel. Sie hörte Worte, helle, gedämpfte, zischten vorbei, schlugen vorüber. Eine Gruppe löste sich, ward um sie ein Kreis. Sie kniff die Augen zusammen, sah in die Höhe. Stieß ein Weib an, versehens, neigte rasch den Kopf, beglückte eine Sekunde mit den Augen. Hob rasch die Lider, schloß sie fest, öffnete groß und sah dasselbe in dem Gesicht eines großen Mannes. Sie durchdrückte die Welle, die auch um die Dominotische schon brauste. Mimis saßen, setzten, bauten, die sie nicht kannte. Wie von St. Denis hierher die Kette heraufschwang, ihr Gefühl faßte, der Rachen aufbrach, schlang, wütete in diesem Fleisch, glomm Stolz in ihrem Auge. Sicher ging sie vorüber. Etwas schwankte von ihr wie Trost fest um den Tisch. Ihre Hände berührten Hüften. Eine Stimme drehte sich ihr zu, ohne Ton, heiser wie Blech. Der Mund war noch schön: Ly. Es bohrte hinter den glasigen Augen, faßte es nicht, schluchzte in der Gurgel. Das Hirn faßte das Gefühl nicht, sie heulte auf, erkannte Daisy nicht genau, wußte nur dies und dies und die, nichts Eindeutiges, bückte sich: „Gib mir zehn Sous.“ Sie gab. In der Bewegung der Hand erfüllte sie das Geben ganz zu Glück. Trat aus ihr hinaus, sie fühlte, daß in diesen Tag ihr Leben Fülle

und Bedeutung erhielt. Zwei Männer hielten sie an, einer küßte ihre Hand. Sie hörte, während er sprach, Lys Stimme dahinter: „Combien . . .? Trapez mit dir — Sau von Geiz . . .“ Bleich vor Angst ein Preuße vor ihr, sie steigerte ihn über die Taxe. Sie löste sich, schon war sie darüber. Nichts drückte sie mehr. Glühend flog es auf in ihr. Am letzten Tisch verwirrte sich ihr Auge in einen Glanz. Le Beau stand gegen die Wand, ein Mann neben ihm, der auf sie zeigte. Durch Gedränge und Stimmen hielt ihr Atem, ihr Sichsehen fest. Das Gefühl floß, sie wußte, es würde sie immer verbinden bis in den Tod. Das erste Erleben des Blutes hielt sie zusammen, nichts wischte das weg, keine Tiefe. Ein Trauring lag um seinen Finger. „Ruiniert.“ Sein Auge war voll Geist, stolz. Über den Plafond strich es aus Jahren: Autos, Feste, das Haus des Boulevard Raspail . . . es lag zurück wie tot. Sein Blick tastete atemlos nach ihr, mißverstand die Pause, die sie ihm gönnte, bog eine Frage aus ihr heraus. Der Punkt, den sie festhielt, war der Eingang. Dorther füllte es sich mit einem Maß reifer und übermütiger Freude. Bleich sah er die Linie der Nase, zog die Luft nach, die sie zurückließ, ging mit dem Detektiv hinaus. Er hatte sie gesehen. Abgewandt, ihm gehörig, hoffnungslos. Sie aber, entzündet weit und hoch über ihm und seinem Lebenskreis, durchbrach die Barrikade von vier Männern, deren Leiber alles abhielten. Sie kam durch. Ein luftleerer Raum

kam, ein Stern von Stühlen. Sie stellte sich daneben, kam endlich mit dem Rücken an die Wand.

Da begann ein Wirbel von der Tür her durch die Menge durchzufluten. Der Raum zitterte, die Luft kam ins Wogen, die Masse brach nicht. Eine Kette schob vorbei zu den Nischen, eh der Kern sichtbar ward. Sie wurde gegen die Wand geschüttelt. Fester sog sie sich an dem Eingang fest, mehr glühte ihr Auge dorthin, ihr Leib streckte sich unmerklich in diese Richtung. Dabei drehte die abgeschobene Kette neben ihr um, es gab freieren Raum, im Vorbeihuschen sah sie einen Augenblick Philippes Gesicht. Zum erstenmal grüßten sie gegeneinander wieder. Da sie nicht mit Worten dastand, unter denen sie litt, sondern wie an keinem Tage heute zur Höhe getrieben, entflammt, kam einen Augenblick Triumph in ihren Mund. Doch sie hielt ihn nicht. Wurde sanfter in den Lippen. Was sie erfüllte, gab ihrem Hochmut Duldung für ihn. Er hatte sie schauen gelernt, die Liebe gezeigt. Sie sah ihn abgeglitten von der steileren Aufgabe, rechnete nicht mit ihm, der sich lächelnd nach innen hinein abwandte . . . Schon löste sich ihr Auge hiervon. Im Vorderteil hob sich Tumult. Die Mitte drehte sich in einer Spirale, durchdrang sich. Aus der Eingangstür kamen Kommandos. Sie reckte sich ganz hoch. Bestimmungen erschollen. Parolen. Ein Schild schwankte. Meerhaft wogte die Gruppe. Noch höher, unbedingter wuchs sie in die Richtung.

Häusernamen kamen herüber, scharf die Straßenreihen. Arme hoben sich. Die Masse zuckte auf, riß, ein Gang wölbte sich. Langsam trat ein häßlicher kleiner schwarzer Mann heraus, es traf sie das Auge Di Contis.

In ihrer Hand lag der Brief. Er las nicht, nickte, sprach schon zur Seite. Nur wie er zur Uhr, hastig und scharf, sah, bewies ihr, wie heftig er sie erwarte. Sie ging. St. Sulpice schlug halb zwölf. Quetschte sich durch die Haufen, eilte, bog in Rue Monsieur Le Prince. An der Ecke kam in das Fliegende, Stolze in ihr eine Traurigkeit, die ihr Gesicht rötete. Sie ging durch den sonnenleeren Garten, durch die Wolke Karbol. Stand an Renées Bett. Die Schwester beugte sich darüber, nahm ein Tuch weg. Das Gesicht im Krampf zerrissen, in der Mitte eine Höhle, aus der pilzig Fleisch wucherte. Die Lider fielen Daisy, sie suchte einen Ton. Fand keinen Ton. Die Schwester suchte Renée zu wecken. Unmöglich seit Tagen. Sie atmete, stank, sprach nicht mehr. Drei Jahre spannten sich von dem Gesicht zu dem ihren. Wie sie sich bückte, blitzte der Glanz vor ihrem Auge, mit dem, unvergleichlich und bezaubernd in der Schönheit der Beine, Renée die Hüfttänze in Genf gewiegt. Sie sah das andere nicht mehr, bog sich tiefer, mit dem Mund zum Ohr: „Es wird gut sein, Geduld.“ Malte, schilderte, versprach, hörte nicht auf mit der Tröstung. Aber Renée hörte nichts, sperrte röchelnd den Mund kreisrund,

roch nach fauligem Gewebe. Sie sprach weiter, sah verzerrt plötzlich das Gesicht, schwieg langsam, drehte um. An der Tür hielt eine Hand ihren Rock, aus dem Kopf eines jungen Mädchens traf sie ein verzweifelter Ausdruck: „Zu mir?“ Zwei Augen kehrten starr enttäuscht, zur Decke zurück. Es traf, verwundete Daisy nicht.

Schatten fielen aus den feuchten dumpfen Gassen, in Lücken glitzerte gewitterig die Sonne. Sie spürte das Stück Schuld, das, neben der Welt, sie an diesem Kadaver trug, aber wie alles Elend dieses Tages löste es Freude in ihr, trieb in ihr hinauf, denn sie empfand es als Ende. Von hier begann das Glück. Freude ging über ihre Zunge, Verantwortung und Glaube machten eine Sicherheit in ihr, die undurchdringlich ward. Gordon befreit, Kasernen gestürzt, europäische Mauern gesprengt . . . neue Beziehungen trafen von Herz zu Herz. Es kam als Strom, sie empfand Contis Herz. Sie empfand, wie er sie besaß und erhob. Eilte, fing alles Unglück ein, nahm es mit, verarbeitete es . . . nichts konnte es antun ihrer Entzückung. Keine schöne Taube würde sinnlos zerstört, kein Schoß zertrümmert, kein Wahnsinn herrschte, tat Unrecht, verdarb, sie kämpfte sich weiter auf den Boulevard, traumhaft befestigt in klarer Ruhe, machte Bogen. Die Straßen hingen voll Gedränge. Um Eins kam sie Rue Guijas, sprang in einen Wagen. Sie hörte Erfolg. Streiks im Borinage, in Brest, in Perpignan,

auf der Loire. Unruhen in Bordeaux. Eine rote Fahne auf Marseille. Sympathieausstand in Mailand. Meuterei in der Dauphinée. Sie bückte sich, legte die Stirn auf das Hebelrad, nickte, küßte Contis Hand. Um Zwei begann die Demonstration.

Der Verkehr stockte. Um halb Drei sperrte Gendarmerie die Eingänge der Seitenstraßen. Die Seitenstraßen standen gepfropft mit Menschen. Der Boulevard stand kilometerweit schwarz. Fahnen zeigten die Kolonnen. Plakate riefen das Volk auf. Eine dünne Kette Polizei stand zwischen der wogenden Masse des Boulevard und dem Druck der Nebengassen. Um drei brach die Masse los. In der ersten Reihe Gordons Bild. Malerei gegen die Legion. Hinter den Führern mit Schärpen Di Conti. Der Zug schwankte, zog langsam zum Montparnasse, machte eine Schleife, stand um Vier wieder am Observatoire, eine Lawine. Um dreiviertel Vier waren die Häute gerissen, die Gendarmerie überschritten. Alle Seitenstraßen mit hermetischem Druck in den Boulevard hineingeplatzt. Die Masse brodelte an der Spitze. Einer sprang vor, reckte etwas, immer höher. Es schoß los.