Alte Gesichter kamen, junge kamen, Weiber. Straßenbahnwagen, hunderte, hintereinander, besät. Automobile dazwischen. Ohne Musik. Schritte gingen in dem Boulevard, vereinigten sich, gaben einen einzigen Ton, der sich band, hallte, brauste. Die hellen Normannen, ehemalige
dunkle Soldaten, die Kokotten der Hallen, Apachen mit Tüchern, Araber, Studenten des Quartiers gingen in dem sausenden Ton. Er ward dumpfer in der Tiefe, schlug hinauf die Häuser. Die Straße vor dem Zug war ausgestorben, glühte. Vor dem Zug schlossen sich die Fenster, Läden der Verkaufshäuser rasten herunter. Die Kolonnen drängten sich, verbogen sich, kreuzten Rue Monsieur Le Prince, Rue Guijas, Rue des Etrangers. Aus den Gassen bohrten Keile herein. Ein Knabe von einem Baum schrie: „Es lebe die Freiheit.“ Eine Lawine kam vom Luxembourg. Der Zug stockte, verdunkelte in der Gedrängtheit, löste sich ein wenig, ballte sich tiefer zusammen. Verfing sich in sich selbst, hing wie ein Haken im eigenen Fleisch. Sie brüllten sich zu: dein Kopf, deine Hand, die Schulter. Hand hing so dicht an Hand, daß sie sie nicht rührten. Eine Wolke Schweiß brach aus. Zwei große Fahnen flaggten über sieben Etagen herunter. Sie lasen die Inschrift, eine donnernde Stimme rief über den leeren Raum die Straße herauf etwas, das die erste Woge traf, sie bäumte. Die Häuser zitterten unter dem Druck, in oberen Stöcken klirrten die Scheiben. Die Fahnen hingen starr herunter, erregten, die Stimme ward lauter. Da brach die Masse, fast schreiend, schwankte, mußte nach vorwärts, dehnte sich auf die Seite, daß der Stein an den Hüften knirschte, bewegte sich, flutete. Laternen standen, Bäume im Weg. Eine Sekunde zitterte die
Barriere. Dann gingen die Kolonnen als Fluß, strömten, unwiderstehlich. In ihrer Mitte hoch, vor den Wagen, den Autos, schwankten die Laternen, Bäume. Reißend goß es sich auf die Place St. Michel, füllte sie voll und rund.
Di Conti sprach.
Die Kühle war gerissen, die Flamme schlug vom Denkmalrand. Der Donner machte das gefüllte Platzbassin totstill. Er bückte sich wie ein Ringer, stieß den Arm zum Kreis, zwang die Stille noch tiefer herunter. Sprach. Formte im Reden die Gesichter unten, zerrte sie auseinander, wischte sie aus, entleerte sie. Riß sie rasend hinauf, verklärte sie langsam, füllte begeistert an. Zog die Reihen, sanft einander verschmolzen, dichter heran. Wuchs. Stieg höher, stand am oberen Rand des Denkmals, bog den Nacken zurück, rang einen Augenblick die Hände, entfaltete sich mit einer ungeheueren Bewegung, zog die Masse mit auf, warf sie auf, über sich ihre Herzen, stemmte sie höher, fabelhaft sich entfaltend, hoch die Arme geschleudert, wankte und wuchs mit der Last, die er hielt.
Sprach.
Ging auf der schmalen Leiste des Bassins hin und her, atmete wie ein Pferd, zog die Menge im Krampf zusammen, quetschte sie aus, hieb das Bittere in ihre Visagen, machte Drohung, bestürzte Wut aus den Mäulern, donnerte, roch den Zorn aufgeballt. Faßte rückwärts,
packte hinter sich den Kopf der Chimäre mit beiden Fäusten, fiel nach vorn, schräg, kam näher, tief herunter mit dem Gesicht gegen die Masse, war fast bei ihnen. Einigte sie in eine atemlose Pause. Sprach. Warf die Drohung aus den Augen. Scheinwerfer zuckten die Sätze. Sprach. Sie drangen in die Herzen. Sprach. Sie drangen durch die Kleider, die Hemden, die Röcke, trieben in die Pulse, gaben sich von Leib zu Leib. Das Blut bekam eine Bahn, einzige Wärme, gleichen Schlag. Floß den Boulevard hinauf, löste, machte Spiralen, schlug aus, blühte aus jeder Haut. Die Lawine brach los, Stöße kamen herunter, keilten gewaltig, drängten den Platz ab bis zum Kordon. Dort stemmte es sich zurück. Conti sprach. Die neue Woge wälzte heran, erstarrte. Sprach. Die Hände Schallbecher vor dem Mund. Erreichte größere Distanz, durchmaß mehr Menschen. Es rollte herunter vom Montparnasse. Daisy hielt mit beiden Armen am Sockelstein sich, die Beine wurden mitgerissen, der Leib drehte sich, die Augen kamen zum Himmel. Sie sah Di Conti, lächelte, faßte wieder Fuß. Der Druck der Dreikilometersäule platzte den Pfropfen, schmiß viertausend gegen die Seine. Conti sprach. Warf sich in die neue Welle, inbrünstig, verzehrte die Kraft, warb, zerfetzte, diktierte, sänftete, riß die Herzen plötzlich steil, unnachahmlich erschütternd, hoch, über sich mit beispiellos schmerzendem Ruck. Die
Säule stieß weiter vom Boulevard herunter, warf, schoß die Menge vom Platz, stürzte sie gegen die Massen vor dem Kordon, Bäume, Laternen kamen über den Kolonnen gegen die Seine an. Stießen den Druck unaufhaltsam weiter. Gegen den Kordon Gendarmerie.
Er verschwand unter ihren Füßen.