Das Ufer herauf, rechts, links, ritten Kürassiere, Haarschwänze vom Kupferhelm auf dem Rücken tanzend, Karabiner auf dem Schenkel, warfen sich vor die Brücke, bewachten vor der Emeute des linken das rechte Ufer, das Herz der Stadt, Boulevards der Bourgeoisie. Die Wellen kamen, gedrängt, gedrückt, spieen heftiger an, schlugen wider die Gäule. Sie riefen: „Camarades, Freiheit, Hunde, Hunde.“ Sie sahen in die kleinen dunklen Löcher, auf das Metall der Drücker. Der Stoß in ihrem Rücken stürzte sie in Massen gegen die Pferdeköpfe. Ein Pflasterstein flog. Es knallte. Steine stoben durch das Licht, sausten. Eine dünne Stimme rief: „Tirez.“ Die Kürassiere zitterten, die dunklen Löcher hoben sich über den Schenkeln höher, steiler, feuerten in die Luft. Vom Blut der Stürmenden ging es hinüber auf die anderen, durchdrang sie, säugte sie. Die dünne Stimme schrie wie ein Triller. Ein Mann gab einem Soldaten die Hand. Die Säule stieß durch, ein ungeheurer Schrei. Körper an Körper gedrängt, Soldaten, Arbeiter, hatten einen
Sinn nur, eine Richtung, gleichen Herzschlag. Ein spitzes Winseln, sie steckten brennende Zigarren dem Gaul unter den Schwanz, der Unteroffizier zeigte ein kalkweißes Gesicht, das Tier klatschte hinunter ins Wasser. Gäule zerstampft. Fraternisierend strudelte die Masse, wälzte über die kupferrote Abendbrücke in die Stadt.
Vom Brunnen fiel Di Conti, einen Schuß in der Weiche. Von der unteren Seineseite durchstach eine Kompagnie von hinten enge Gassen, kam seitlings auf den Platz, trieb einen Keil in die dünne Masse. „Weg du“, schrie ein roter Bart. Eine Frau hielt vor Schmerz blaß die Hand zwischen die Knie. Die Masse floß in den Brückenstrudel, abgelenkt, gerissen. Das Denkmal ward umzingelt. Di Conti aufgehoben . . . hinter Bajonetten gesichert. Daisy warf sich auf ihn. Sie schlugen ihr eine Koppel auf den Kopf. Sie konnte die Hand nicht rühren, ließ nicht nach, biß sich in seinen Rock. Ein Druck kam auf ihren Kopf, das Gesicht von ihr ward schwarz, noch einmal flüsterte sie: „Conti —.“ Die Masse begriff, schäumte auf, warf sich herüber, gegen den neuen Kordon, feuerte ihn zurück, Daisy ward zurückgetragen. Conti schleppten Soldaten durch die Gassen in die Métrohalle. Zu spät.
Aber er lebte. Zwei Tage war Daisy irrsinnig. Dann empfing sie. Kühl, Dame, Freunde nahmen ihre Hand: „Wir werden ihn befreien.“ Deputierte
sprachen: „Wir werden ihn befreien.“ Der Schlag der Masse pulste herauf zu ihr: „Wir werden ihn befreien.“ Sie hörte, die Verwundung wär leicht . . . Ihm werde des Volkes Stimme dauernder Ruhm. Sie reckte sich, steif, ging zurück, lachte. Ruhm? Bot man so Geringes? Glaubte jemand, dies sei ein Wort für dies Gefäß? Maß für diese Tat? Dies Geschenk für Narren und Kinder wagte Geschwätzigkeit hinzugeben für Blut? Behängte diese Maske ihn nicht zum Komödianten . . . stand sein Gesicht doch, das schlicht nur dem Ganzen wirkte, brüllend und wie aus Marmor vor dem Gewissen der Macht. Sie winkte ab, ging auf und nieder, steckte die Hände in die Taschen, die Augen im Dreieck. Ein eisgrauer Glanz kam aus dem Blick. Hinab mit Geschwätz und Trauer. Eins war zu tun, das Ziel erreichen, die Leistung verdoppeln, Angriff steiler schrauben, unbedingter sich mühen. Di Conti mußte frei sein. Hierfür war zuerst zu leben. Sie nahm es auf sich. Allein. Ging einen festen graden Weg.
Die Lichtflut stieß Breschen ins Dunkel. Die Seine floß gläsern unten. Sie sah einen Schatten, er löste sich von der Pforte und glitt an ihr vorbei. Sie drückte ihre Hand fest in seine, das Papier knitterte. Ein Wachtraum im Keller sprang auf, dreigezackt brannte ein grünes Gaslicht schmetternd gegen den Kalk. Sie legte ihre Hand auf den Tisch. Als sie sie zurückzog, blieb etwas.
Sie trat in das Büro ihrer Gesandtschaft. Sie ging durch drei Räume. Ihre Karte lief vor ihr. Fünf Minuten sprach sie mit einem eleganten Herrn mit exotisch flimmernden Augen. Sie gab ein Telegramm auf an ihren Vater. Darauf gab ihr der Herr seine Karte mit einigen Worten.
Damit fuhr sie die Champs Elysées hinunter, Bäume streichelten die Luft, Helligkeit und Süße wob in den Zweigen. Sie fuhr darunter hin, unbeteiligt. In einer Schleife glitt der Wagen ins Riesenbassin der Concorde . . . der Wagen glitt, bog, hielt. Über die Teppichstufen des Ministeriums. Aufgehalten, mit der Karte durchbrechend, gehemmt, vor Achselzucken, lächelnd, die Karte vor sich . . . sie stand in einem Salon. Ein schöner Mann im schwarzen Schnurrbart, der elegisch das Kinn rahmte, trat ein, stutzte. Sie ging mit raschen Schritten an den Tisch, legte ein Bündel in perlgeschmücktem Etui auf die Kante. Sein Blick leckte nach ihrem Hals, zögerte, fiel auf den Tisch, er verneigte sich, stieß eine Tür auf. Ein größerer Salon. In der Mitte eine Jungfrau, die auf einem Brabanter ritt. Die blaue Seide der Wände, der geschwungenen Stühle verwirrte, sie lernte die Teppichmuster, sagte immer ein Wort, ein Wort, ein Wort. Eine Stunde. Ein grauer schmaler Herr trat ein, hinkte, ein Monokel an schwarzer Schnur flog ins Auge. Er war nicht groß, kam langsam näher, äugte,
bis er genau sie sah, schob mit drei Fingern einen Lehnstuhl zurecht, indem er ihn kaum berührte. In seiner mageren Hand spielte ihre Karte, er las, sah ihr mitten ins Gesicht. Blut schoß ihr auf unter dem jähen Anprall. Er sah auf die Erde neben seinem Schuh: „Ausländer? . . . Italiener . . . in der Tat.“ Sie sah nur seine Brauen. Er notierte den Namen, flüsterte ihn nochmals, stand auf, ging ans Fenster, trommelte mit den Fingerspitzen ans Glas, murmelte, sah auf ein knallendes Buchenholz im Kamin zerstreut. Die Lippen Daisys saßen wie Tiere aufeinander, die Brauen seidenschmiegsam ineinander sich wölbend. Er trat zurück. Ein drittes Gesicht sprach mit ihr, die Stimme schlürfte etwas, stieß an die Zunge, die Handbewegung voll zarter Höflichkeit. Er führte immer, sie folgte. Lauernd. Erschreckt. Er blieb gleich. Kanadische Jagd, die Quadrille Fribaurts, er kannte es. Versailles wuchs zwischen seiner Geste, schmeichlerisch, mit Märzwind. Eine Fahrt über St. Malo. Er neigte das Kinn: daß die Oper Ballette belebe, welcher Zug. Er stand auf, ging zum Fenster, elastisch in dem Knie, hinkte nicht — ob ihr Wagen warte, Pelze darin seien. Setzte sich wieder, ruhig, besorgt. Sie wartete, faltete die Lippen, daß es käme. Er spielte, lauerte, führte herauf, hinunter, eilte, pausierte, sie sah sein Gesicht nicht. Seine Grazie schmeichelte sich in ihre Haut. Plötzlich schlug er die weiße Hand, die nicht
welk war, laß gegen das Knie, der Kopf fuhr auf, sein Blick prallte ihr wieder ins Gesicht. Sie stand auf. Er hob sich halb: „Wann darf ich den Wagen senden?“ Sie knotete die Hände: „Neun Uhr.“ Er läutete, als sie sich schon wandte, ein kakadufarbener Page öffnete geräuschlos eine Tapetentür.