Vierundzwanzig Stunden vorher speiste Conti, verdrehte die Iris, schwankte, bekam Kälte in die Finger, Blei in die Knie, verzerrte die Zähne über die Regie der dritten Republik, die selbst die Einrichtungen der Küche pragmatisch ordnete. Als Daisy morgens heimkam, war Di Conti tot. Sie kam hin mit einem Gehenlassen der Glieder, das alles hinter sich hat, abgeschüttelt, selbst ohne Erkenntnis und Bedeutung des Opfers, innerlich lediglich gerichtet auf das Ziel.
Sie bog die Lippen tiefer, versteinte an den Schläfen, zwischen Wange und Mund. Was konnte noch kommen? Ein Telegramm Fidleys: Pa tot. Sie legte das Papier auseinander, legte es zu dem anderen, frühstückte, badete, ließ sich massieren. Fuhr in den Luxembourg, fuhr zurück. Am Abend in die Oper, Verdi rauschte, Sommerhimmel erbrausten, sie speiste, schlief. Stand auf am Morgen. Nichts war zu schlagen. Je mehr sie spürte, was sie verlor, um so ungeheuerlicher fühlte sie aus sich brechen das Bewußtsein der Stärke und der Sammlung. Allein nun empfand sie, wie gefüllt und selbst sie war, voll, traubenhaft geschwellt, ausbiegend
aus ihr mit einer Glut, die sie erblaßte. Di Conti war in ihr, mehr heute als je. Geballter als im Menschlichen. Unverlierbar. Vermächtnis besaß sie, beherrschte und durchtrieb sie unausdenkbar an Berufung. Sie ging gestärkt, wunderbar entzügelt. Eine Ruhe umgab sie, die den Schmelz der sehnigen Schenkel und das flimmernde Spiel der Hüften unter der kleinen Brust begehrenswerter, zarter heraushob. Sie verlor kein Glück. Sie besaß sein Werk.
Pa tot. Fidleys Telegramme, Weisungen stäubten. Es geschah am Horizont. Syg einem Mann gefolgt. Es geschah in der Ferne. Ihr Mittelpunkt blieb unerregt. Der Körper hielt stand. Der Geist sah manchmal Bilder. Raffaelis Bruder, Arzt, sagte, wünschte, befahl Erholung. Sie machte eine kindliche Gebärde. Er verstand. Sie wurde klug verführt. Sie fuhr mit Briefen, Papieren Contis zu Freunden nach Kopenhagen. Der Platz der Zusammenkunft war leer. Die Fahrt im Zug war dumpf, ausgespieen fuhr sie, allein, dennoch voll Glut. Sie mußte weiter nach Christiania. Nach zwei Tagen stand sie am Hafen, traf Fribaurt nach einer schmerzlichen Sitzung. Er fuhr mit der Segelyacht nach einem ungewissen nördlichen Punkt. Sie nahm es sofort. „Ich komme mit.“
Die Tage füllten sich mit dem und jenem, Ungenauem, doch ungeheuer in der Berührung mit schrankenloser Natur, Menschen, deren Geist abgewandt war, mit denen der eigene sich schön traf beim Rauchen, dem Reffen der Leinen, Hinaussehen auf glatte See bis zu entfernten Dampferwolken. Inseln kamen. Riffe türmten sich wie steigende Esel. Gedörrte Fische hingen an den Felswänden, wie sie die Ufer hinausfuhren. Granit, Urblasen erstarrt, schaukelte bunte, rote, grüne Häuser wie Spielzeug. Auf den Klippen saßen Rypen: „ka . . . bauh.“ Schneehühner: „j . . . ak — j . . . ak.“ Es rauschte. Ein Kreis mit heißen Wallungen bäumte um sie. Sie badeten in einem Fjord, abends ward das Wasser papageirot. Jerkins, Christianias größter Jäger, stieß auf ein Signal mit der Kupfertrompete dazu. Kam mit Schneeschuhen aus dem Gebirge. Stunden, ehe er einlief, sahen sie ihn im Glas oben wie ein metallenes Insekt flitzen in Stemmbogen und Telemarks. Ein Tal kam aus den Felsen gegen das Meer geflossen, grün, schwärmerisch. Sie übernachteten im Dorf. Am Ende, eingekeilt, schon zur Ebene zu, hing über Sandwüsten ein weißes, Licht schleuderndes Haus. Jerkins führte im Bogen heran, sein Finger überschrieb die Gegend: „Nördliche Lepra“. Der Kreis war verseucht. Er zuckte die Achseln unwillig, sah Daisy ins Gesicht, führte sie dennoch heran. Zerfressene Gesichter sahen aus den Fenstern: „Hüten Sie sich.“ Ein Schrei.
Sie gingen zurück, warfen den Fock aus. Das Morgenwasser zischelte . . . Die Nordsee leckte gierig, blau an Lee. Die Windtrommel saß in dem Segel, schmetterte.
„Geh in meine Kajüte.“
Der Schiffsjunge schloß die entzündeten Augen, kroch in die Kabine und schlief sich aus. Sie lag unter dem Segeldach und gab statt seiner acht. Das Steuer war angebunden, die Luft ging ganz stät. Die Lappin wurde aufs vordere Verdeck gerufen. Die Sonne malte auf den Holzplanken. Fribaurt und Jerkins lagen auf dem Bauch. Das Weib mußte sich legen, äugte schielend mit schrägen grünen Augen nach Daisy. Sie spielten Karten, lernten die Lappin zum siebentenmal an, schlugen Atouts auf den Boden, das Weib lauerte, bekam einen Rippenstoß, zuckte, legte klatschend mit fetter Hand ihre Karte nach. Die Segel schlappten plötzlich, klatschten hohl hin und zurück zum Großbaum . . . eine Musik umschwirrte sie . . . eine Wolke Papageitaucher, die wie Rypen zirpten, flog eilig nach dem Land. Jerkins schoß, auf dem Rücken liegend, eine Möve, die hinter ihnen her war, fischte sie herein, zog ihr, die schrie, Kopf und Atlas ein wenig auseinander. Vorbei. Er fuhr mit der Hand in den orangegelben Flaum und ließ die Federn einzeln zu Daisy fliegen. „Schöne Frau von der Seefahrt.“ Fribaurt sang mit dunklem Bariton. Der schaukelnde Wind ließ nach, das Meer ward
tierisch faul, eine Brise kam, schwand. Sie lagen still. „Welche Harmonie,“ gähnte Fribaurt, stieß einen Pfiff aus, hielt die Shagpfeife in der Hand und warf die Karten auf, „wir haben maßlose Zeit, meine Freunde.“ Das Segel aufgerefft, die Lappin in Hosen an der Gaffel mit klebriger Behendigkeit . . . der Tag stand still. Fribaurt band ein rotes Tuch um den Kopf. Jerkins hob das Weib hoch, legte es wieder auf den Bauch. Dann bluffte er wie toll, verlor einen Haufen Geld und lachte, bei jedem Verlust aus Vergnügen. Fribaurt lächelte ein Diplomatengesicht: „Zu grob.“ Er legte auf: „Street.“ Die anderen warfen zusammen, zuckten die Achseln. Plötzlich schob Jerkins auseinander, runzelte die Stirn, griff hinüber, legte die Karten der Lappin nebeneinander: „Zu früh . . . zu schick . . .“ er bog sich vor Lachen über Fribaurt. Umgewendet: „Die Sau . . . die Sau . . .“ Die Lappin kroch ein Stück davon aus Angst auf dem Leib. „Was hat sie?“ Jerkins hob die Hand von der Kartenflöte. Sie wälzten sich zu zweit: „Royal Fluch.“ Fribaurt zur Lappin geneigt: „Süße Freundin, welch verschwenderische Tollkühnheit des Glückes . . .“ Jerkins teilte aus, schaute zu Daisy: „Die phantastische Quote . . . und hat es nicht gewußt.“ Weißbrüstig hing eine Brise vor dem Meer. Geigen im Baum, ein dunkler Frühstrich vor ihr her wirbelte das Meer mit einem bläulichen Schatten, der Bogen sauste heran. Jerkins sprang auf, leierte am Großschot,
die Lappin ließ das Segel zwischen zwei Tauen herab, Jerkins wickelte, machte einen Schifferknoten mit den Daumen, das Segel wechselte, flog hinaus . . . der Stoß kam und erzitterte jeden Nagel, Fribaurt schmiß das Ruder herum, tänzelnd lief das Boot, sie kamen dem Ufer näher, die Gaffel wechselte . . . nun fuhren sie in der Windschwankung parallel.