Sie ging vom Fenster zurück, fiel mit dem Rücken auf das Bett, hörte Pferdegeplätscher im Wasser, zwei Rufe, bleierne Stille. Im Plafond über sich sah sie das Gesicht. Sie warf sich herum. Eingebrannt im Boden glühte es sie an. Sie starrte durchs Fenster. Es füllte den Rahmen, peitschte sie auf. Erschöpft sank sie in die Kissen, schloß die Augen. Da stand es innen in den Lidern mit einer Zärtlichkeit des tiefsten Schmerzes und sah durch die Iris ihr in die Brust. Ihr Herz zog sich zusammen. Stunden,

die sie lag. Kämpfte mit dem Kopf. Derselbe Ausdruck in seinen Zügen mit dem Unbekannten, der im Traum ihren Bauch umschlungen in der Nacht Le Beaus, im Traum des Hotels neben Renée. Mit tödlicher Schärfe riß ihr Dasein herauf, sie erkannte die Rechenschaft über ihr eigenes Lebens, die er brachte, kannte, forderte, ungestüm. Er schlug als Zentrum in den Kreis, den sie gelebt. Kein Leid, das sie gelitten, ohne daß es bestimmt war für dies. Keine Sehnsucht, keine Handlung, die nicht zielte in diesen magischen Punkt. Er hob sich, als sie am entferntesten schien, und wie von einem Wellenbrecher rauschte ihr Leben davor zurück. Nichts blieb außer ihm für sie: Dinge eitel, Menschen verworfen. Das Meiste umsonst getan. Höllischer Schmerz verzehrte ihr Auge, ihr Blut. So unerbittlich klar stand in dem Kontur das Glück, Bestimmung des Leibes, der Sehnsucht unerfüllbar, nicht erfüllt seither, . . . sie schrie um Gerechtigkeit, starr, ohne die Glieder zu bewegen, wandte sich an Gott, wandte sich ab, verzweifelte. Der Schmerz ward so tief, daß sie ihn nicht mehr ertrug, glaubte, sie sterbe. Da drehte er um und erfüllte sie mit Seligkeit, die alles an sich rief, was sie erduldet.

Langsam wuchs sie aus dem Zweifel, überwand ihre Sehnsucht, sah weit vor sich die Aufgabe, das Gestreckte, Winkende, Rufende, was sie größer füllte. Und je mehr es in ihr glühte und Di Contis Glaube

und Ziel sich erhellte auf einer Seite, sank der Kopf auf der anderen, das Spiel der Wage ging hinab. Wohl lag zwischen dem Kopf und allem Geschehen eine Kluft, die nichts überbrückte: nur ihr Blut. Sie gab es. Litt. Gab es hinüber in das Unbedingtere, gab sich auf und ganz in die Aufgabe. Verzichtete. Sah zum ersten Male das Unbeschreiblichste, erkannte, am Nichtgewesen, an allem, was sie versäumte, ihr großes Glück. Gab es auf, ließ es. Legte den Kopf weinend in die Hände. Entsagte. Aus Di Contis Atem kam die Befreiung, lösend, hart, aber tief.

Das Silber zitterte heller. Sie lag, die Augen wie Stein. Dann stand sie auf, als ein Boot unten vorbeifuhr. Ging hinaus über die Schwelle.

Die Arme standen etwas ab. Die Sonne kam. Eine Fahne wehte, das Georgskreuz, schon vorüber. Welch unendliche Kühle des Sommermorgens. Welche Frische des Blaues. Sie ging weiter. Der Staub ward rötlich. Die Riffe des Kessels ballten sich dunkel, unerreicht noch vom Licht. Sie ging. Gezackte Wolken am Horizont . . . Mövenflügel in Spiralen hoch sich schleudernd . . . die Eidern weich geschaukelt in der Bucht — — — der Tag stieg, wölbte Licht. Aus der Wiese kam ein Gaul auf sie zugelaufen, hielt, hob das rosane frische Maul, legte es auf ihre Schulter. Lief davon.

Das Kupferbergwerk glühte aus dem Fels. Sand . . .

Sonne leckte darauf . . . die Ebene kam. Oben das spitze Tal. Sie ging hindurch. Fahlweißes Licht prallte ihr entgegen. Sie stand vor dem Haus wieder, von der anderen Seite, das, ein Nabel, zwischen der Ebene und dem Gebirge lag. Aus einem oberen Fenster sah ein blauzerquollenes Gesicht. Ungetrübt durch Schmerz wehte es rein in ihr auf, durch sie hin. Die Liebe quoll verdichteter in ihr. Sie schlug die Augen auf. Mit unerbittlich weichen Buchstaben stand über dem Eingang vor dem Himmel geschrieben: Hilfe den Menschen.

Eine grelle Stimme: „Was wollen Sie?“

„Hinein.“