„Oktober.“

„Geh sofort.“

Doch Augen kamen ihr im Kissen entgegen, die getröstet werden wollten, gehalten, die noch nicht gehen wollten: „Aber du kannst es doch. Arbeitest du nicht wie Vier. Hast du nicht Kraft, alle Sehnsucht zu verdrängen. Hast du dazu nicht mehr gesehen, erlebt wie wir?“ Sie zog sie neben sich: „Der Wille genügt nicht. Nichts wird vom Ende aus begonnen. Geh, lebe. Kommst du nicht wieder, fandest du Gegebeneres für dein Schicksal. Kommst du wieder, ist nichts so entsetzlich, du trügest es nicht mit einem Lächeln.“ Nagas verweintes Gesicht suchte auf dem Kissen nach ihrem. Tränen an ihrem Mund. Schluchzen . . . was sollte dies Kind hier. Erst hindurch durch das andere . . . was das Leben zärtlich und schön macht. „Geh.“ Naga ging schlafen. Die Nacht darauf hatte Daisy Wache bei dem Zigeuner. Er stellte sich fiebrig, damit sie nicht zum Schlafen komme. Es klirrte im Nebenraum. Daisy ging hinein, schloß die Tür hinter sich, reichte Pakete hinaus, ein Kuß mit Tränen, die im Mund blieben. „Mut“, geflüstert ein heißes Wort zurück, kaum verständlich vor Weinen. Das Fenster geschlossen . . . zurück zu dem Zigeuner . . . auch dies vorüber. Naga würde nun fehlen. Kein Lächeln mehr im Hause sein.

Der Zigeuner fluchte. Sie lächelte, einzige Antwort. Bosheit verzerrte sein Gesicht, er klotzte wie ein Neger.

Sie hatte ihn kurz verlassen . . . er beschimpfte sie. Sie hatte Unrecht, ihn eine Sekunde zu verlassen, sie nahm seinen Vorwurf hin: Du hast recht. Unbeugsam blieb ihr Mund durch seine Tücke. Er kam in Raserei, gab ihr jeden Fluch seiner Jugend. „Schlaf“, sagte sie mild. Er spie ihr in das Gesicht. „Du Armer.“ Sie setzte sich in eine Ecke. Dunkel nun im Raum, halb licht vom Morgen. Ganz allein in der Nacht ihr Wachen . . . unendliche Stille ausgegossen in ihr. Die Fenstergardinen schwankten . . . Di Contis Atem ging mit dem Wind durch den Raum. Die Liebe ging auf in ihrem Gesicht. Sie saß bis tief in den Morgen.

Die Sonne kam weiß aus dem Meer. Das Wasser ward spiegelig grau mit einem dunklen Rand. Der Sommer auf der Höhe . . . das Wasser stank faulig. Die Hitze lag kreiselnd am Himmel. Sand, Meer, Gebirge: eine Ebene erstickendster Trockenheit, von der ein giftiger Hauch am Mittag gegen das Haus fiel. Aus heißem Bett, schlaflos, fiel sie morgens, die Nerven zitternd, in den Operationsraum . . . Puls halten, Apparate reichen . . . sie hielt an einer Zange ein Bein. Zwei Finger des Arztes bohrten im Fleisch, suchten einen Knochen. Da riß der Gummi des Handschuhs.

„Äther“, schrie der Arzt.

„Hier.“ Er riß den Stöpsel ab, leerte es über die Hand, stöhnte auf.

„Jod . . .“, schrie er, die Augen quollen. „Schlafsenkel . . . Gans . . . ist das Jod?“ Schon verbanden ihn andere. Über dem Waschbecken knurrte er weiter. Vor dem Weggehen warf er ihr einen wütenden Blick zu. Unter den anderen stehend nickte sie mit dem Kopf. Was war das Unrecht? Hätte sie nicht wissen müssen, daß er irrte, klüger sein wie er in der Stunde der Not . . . auch dies. War es ein Unrecht . . . sie nahm es mit in den Dienst. Es reichte nicht an ihre Ruhe.

Zwanzigmal das Wasser leeren . . . Gestank. Das eitrige Wasser faulte unter der Hand. Geruch von Brake und Schlachthaus auf den Korridoren, Schweiß in den Krankenräumen . . . ein satanischer Sommer. Die Fenster, weit ausgehängt, lauerten auf Zugluft. Aus den Poren der Mauer kam Hitze. Die Kranken badeten in ihrem Schweiß, der sie anfraß. Die offenen Schenkel wurden brandig. Die Gurgeln wurden trocken, krächzten. Einmal begann einer zu schreien, besinnungslos. Sie stand neben ihm, gab ihm Packungen. Sie kam zu dem Fiebernden: „Nimm dir Wasser.“ Er hob den Hals, konnte sie nicht ansehen, die umschlossenen, nie mehr zu öffnenden Augen winselten Dankbarkeit. Sie spritzte mit einer Blumenfontäne Wasser ohne Pause in die Luft. Dünner Regen kam aromatisch nieder, Trost einer Sekunde. Ein Atemzug Glück . . . vorbei. Durch das Zimmer fliegend, sah sie das glanzlose