Auge des jungen Priesters. Erstaunt: „Auch Sie . . .“ Er schüttelte den Kopf, kein Kleinmut, er lächelte, solches fiel schwerer ab, was ihm menschliche Gewöhnung gelernt, zu schätzen, dies: „Der Geruch.“ Ihr linkes Augenlid senkte sich kurz. Sie brachte eine Flasche Eau de Cologne. Er entkorkte die Flasche, roch sie, Tränen schon in den Augen: dies war die Welt. Er drehte sich um. Am Ende bei ihrem Vorbeigehen senkte sich ein maulender struppiger Banditenkopf gebändigt. „Ein Gewitter kommt,“ sagte sie, mit dem Leinentuch wehend zum anderen Ende, „den Abend wird es frisch vom Meer.“ Im Nebenzimmer, wie Fledermäuse ausgetrocknet, hockten die Matrosen, sangen nicht mehr, Hunde mit trockenen Schnauzen. Lächelnd: „Geduld, Struppige . . . Wind.“ Sie bekamen Ausdruck in die Blickwinkel, schielten sich an, stießen die Ellenbogen sich in die Seiten, grinsten, schaukelten auf den Stühlen. „Geduld“, sie wehte zeigend mit dem Tuch nach dem Himmel. Alle sahen hin, alle in Spannung, sahen nach einer Wolke. Der ganze Saal sammelte sich nach dem Himmel, lag auf der Lauer. Sie stand im Zimmer: „Mut.“ Der Glaube trat aus ihr heraus. Trat in zwanzig Halbverweste. Vierzig Augen sahen auf sie, traten in sie ein mit ihrer Hoffnung, klammerten sich an sie, schauten gläubig, mit ihrem Mut gestärkt, nach der Erlösung. Rochen nicht mehr ihren Eiter, spürten nicht mehr Schweiß,

der ihr Geschwür biß. Keiner, der haderte, niemandes Schmerzruf . . . ganz verhaltene Stille. Der Glaube von zwanzig Unglücklichen ballte sich heftiger als von tausend anderen, der Glaube von zwanzig Unglücklichen stand in dem Zimmer, wuchs in den Räumen. In allen Zimmern stand er auf. Bald das Ende der Qual, bald Wind und Mut, weiter das andere zu tragen. Ein kleiner Windhauch nur . . . welch ein Trost. Die Zimmer verbanden sich mit einer Schicht Vertrauen, die früher nicht herrschte. Die einzelnen kamen sich näher, fühlten sich als Genossen, lachten sich zu. Die Deutschen sangen wieder. Freude stand über den Betten. „Dank.“ Sie rief zurück: „Mut.“ Der Tag vorüber, die Nacht rot vor Hitze, der Morgen graublau, entsetzliche Last. Durch die Zimmer gehen, immer ein Lächeln. Hinaussehen zum Horizont. Die, die nachts nicht geschlafen, die halb irrsinnig waren vor Schmerzen, alle, die beginnen wollten zu lästern . . . alle einigten sich an diesem Lächeln, unternahmen nichts, wurden still, sahen hinaus auf den Horizont. Sie beruhigte, entflammte still, flüsternd von Ohr zu Ohr, wenn sie sich bückte: „Geduld . . . es kommt.“ Der Glaube wuchs in den Zimmern, heftiger, tiefer . . . der Glaube der vierzig Augen stieg, die anderen glaubten, wuchs in die Räume, ballte sich den Tag . . . die ganze Nacht. Schaum am nächsten Morgen am Meer, am Mittag die lähmendste Stille. Gegen Abend

wuchs ein Segel, schoß in den Himmel wie ein Gaul, bäumte, riß in einem Rad den Himmel als Strudel in sich . . . Blitze zuckten flatternd, irr . . . Kühlung kam. Die Augen geschlossen . . . die Hingabe erhob sich zu ihr, aller Gefühl: „Dank.“

„Wofür . . .?“ Sie starrte hinaus.

Ein Wagen traf ein. Ein Brief.

Das Verhängte lockte. Das Elend des Einzelnen, der ihr Blut berührt, riß sie von dem, was sie hielt. Der Brief hatte nichts von Gewalt, viel Unterwerfung. Ihr Herz rührte sich ihm zu. Sie unterbrach, reiste drei Tage, fuhr eine Mauer unter Oliven, hörte das Meer, traf in dem Park vor einem kleinen einstöckigen Schloß Stefan, den sie tödlich getroffen glaubte, er wandte sich um, warf eine Bananenscheibe weg, kam über den Rasen. Sie erstarrte, wandte halb um, voll Schmerz und Wut. Hörte seine Stimme. Er log nicht, sie kam nicht umsonst. Sie kannte sein Leben, das zwang, niederhielt, bebenden Boden mit den Beinen feststampfte, sieben Balken im Schweben hielt. Er hatte Minen um sich gelegt. Flog eine, sauste er mit. Er hatte genug, ließ sie fliegen. Es reizte ihn nichts mehr. Er lebte allein seit langem. Er wollte sie sehen, ehe er verreckte.

Ihr Herz war festgebohrt. Es genügte nicht. Sie drehte ganz. Seine Stimme holte sie ein. Das Raubliebende besaß einen Klang, der sie bannte: „Nimmst du mir den Rest Erlösung?“ Sie sah das Zerrissene seines Lebens darin, das nun der Erfüllung nahe war. Schicksal, vom Tag, wo sie zuerst ihn sah, hineingeschrieben in jede Falte des Gesichts, erfuhr unerbittlich seine Bestimmung. Wie diese Fahrt seines Blutes nun landete in Reue, sich selbst verwarf, und das Starke sich hinschmiß und bat, ergriff sie mit Rührung, die alles hinüberneigte zu ihm, zagend und nicht ohne Befremden, doch bezaubert: „Gehen wir hinein.“

Sie stellte ihr Leben unter seines, trug im Unbewußten die Last, fühlte seinen Schmerz, seine Seligkeit, sah die Grenze, die bald alles schloß, kannte sie nicht, roch die Katastrophe, bäumte sich vor ihr, legte in ihn hinein, was ihm das Letzte klar machte, beruhigend, sicher, Aufflug und Klarheit.

Sie ritt sich die Schenkel wund, er sandte Reithosen und Salbe. Sie rieb sich die langen schlanken Beine. Durch Gras, durch Fliederhecken, ein Bogen. Ein verfallener Tempel, ein kupferner Mond darauf, Lusthaus der Frauen des passierten Jahrhunderts. Dahinter fielen Terrassen. Vor den tiefen Fenstern des Schlosses tauchten Tritone auf, warfen Wasserlanzen, bliesen aus Hörnern in den blauen Abend. Sie ging zurück,

zog sich ins Zimmer, speiste, schlief, suchte ihn morgens. Er saß über Papieren, schrieb. Sie wich zurück. Er sah den Schatten, fuhr herum: „Du störst nicht. Nie.“ Das Geschriebene flog vom Tisch. „Doch.“ Sie wollte gegen seinen Willen, ihm es leicht machen, wandte sich. Er, ihr sich hingebend, wußte nichts anderes: „Bleib.“ Sie blieb.