Die Luft ward silberblau. Blüten rochen herüber in der Nacht. Im gläsernen Bauch des Sommers stand noch der Frühling mit Kastanie und Flieder. Es rauschte Tag auf Tag über die Hängematte. Morgens beim Frühstück frug Stefan: „Reiten wir?“ Sie nickte. Kein Vorschlag, den sie nicht annahm. Nach einem Galopp schon sah er die dunklen Ringe unter ihrem Auge, verstand sie, ihre Woche, verlangte, daß sie sofort absteige: „Welch ein Irrsinn . . .“ Doch sie log. Wozu Sorge noch mehr ihm geben, diese Stunden vergällen. Lächelnd: „Du irrst.“ Weiterreiten unter Schmerzen. Reden mit frischen Lippen. Seine Schläfe lief dick an vor Qual.

Sie stand am Morgen früh auf, öffnete die Tür ihres Zimmers, ging hinaus auf den Rasen, die hohe Mauer entlang. Der Morgen, dunkelrot, verführte mit Pracht, sie ging um das Moorstück mit den dunklen Blumen, bog um den Pavillon. Sie stand unter den Palmen, kam zurück auf die Terrasse. An dem Rondell setzte ein Schmetterling sich auf ihre Achsel. Sie drehte sich herum, da

trat Stefan hinter einer Figur vor. „So früh?“ sagte er, der spät aufstand. „Nicht sehr!“ sagte sie, verschwieg den Weg, den er ihr ansah.

Zwischen den Oliven stand die Sonne hell, klar. Der Horizont gewölbt, kreisrund und stählern, süß die Luft darunter, schwärmerisch die Verzückung des Abends. Eine Lampe auf der Terrasse . . . der samtene Rasen blau in der Dämmerung. Eine Syrinx flog über die Mauer. Sie stand auf, müde. Er begleitete sie bis an ihr Zimmer. Sie drehte sich halb um . . . er folgte nicht.

Sie lag die Nacht wach, in gelber Gardine schwamm der Mond. Das Silber der Stutzuhr im Dunkeln . . . Bilder entblößter Damen, degentragender Herren steif an den Wänden, undeutlich im Dunkel . . . ein Spiegel glomm tiefer und ungründiger in seinen matten Glanz hinein auf dem Toilettetisch . . . kein Geräusch. Kein Vogel. Sie horchte auf Laute. Still und abenteuerlich der Park. Sie wartete.

Den Morgen blieb sie lange liegen, wartete auf die Stunde seines Aufstehens. Als sie hinauskam, sah sie ihn über die Terrasse herkommen. Sie errötete. „So früh?“ Er sah auf seine verstaubten Schuhe. „Nicht sehr!“

Ein weißer Blitz setzte über ihre Hängematte am Mittag, schoß über das Rondell, flitzte in den Mittelpavillon. Sie sprang ihm nach. Nach links war der Flügel geschlossen, nach rechts folgten Räume, große Zimmer, vorüber im Lauf bemalte Wände, goldene

Rebstöcke, japanische Tapeten, Mosaike, silberne Leuchter . . . die Fenster gingen bis zu dem Rasen . . . da stand Stefan neben einer kleinen Fontäne mitten im Zimmer. Auf seine Schultern hatte ein weißer Windhund die Pfoten gelegt, seine Hand fuhr an dem geschmeidig zitternden Rücken herunter. Er sah ihr Gesicht in der Portiere, ging ungestüm auf sie zu, unterdrückte eine Wallung: „Nimm den Hund. Ich gab ihn weg, weil ich zu sehr ihn verzog. Heute kam er zurück —.“ „Ach,“ sagte sie, „nein, ich bitte dich, ihn zu behalten.“ Er liebte ihn, wie konnte sie ihn nehmen! Blieb fest Beim Abendspeisen sah sie, daß er litt. Sie hatte ihn abgewiesen, um ihn zu freuen. „Verzeih“, sagte sie an der Schwelle ihrer Tür, berührte schwach seinen Arm, sah über die Schulter. Seine Hand zitternd am Pfosten. Die Tür schloß, er folgte nicht. Blumengeruch toll die Nacht. Schlaflos bei aufgerührtem Herzen. Wohin trieben solche Konflikte, helfen wollen und verletzen . . . annehmen und gegen das Opferbereite verstoßen . . . Leid auf jedem der Wege . . . Brausen der Springbrunnen in der Nacht . . . diese Erquickung. Sie sprang hinaus, löste am Bassin der Tritone die Matinee, tauchte in das Wasser. Eine Wasserrose trug eine Tauperle. Sie stieß daran, das Kristall flutete vor Licht, zerbrach, der Himmel ward erschüttert von diesem Fall. Die Büsche schlugen auseinander. Stefan im Pyjama, den Ginster

auseinanderbiegend, oben über den Figuren . . sie schloß die Augen zitternd . . . sie sah auf. Stefan war fort. Nichts in seinem Gesicht, das davon sprach den Mittag. Keine Gebärde anders in diesem Kopf. An seiner Ruhe spürte sie die Gespanntheit vor dem Schlag. Sorgen, Trauer, die sein Hirn verwüsteten, die Erwartung der tötlichen Minute, vielleicht schon aus dem Wipfel eines Baums gezückt. Blieb er unrührbar, lief sie heftiger in ihn ein, erschütterte sie seine Haltung unbedingter zu ihm hin. Einmal schoß sein Blick unverhüllt von der Seite, sie sah ihn im Spiegel. Sofort bändigte er ihn wie ein Tier. Sie spürte, wieviel ihm fehle, was er unterdrücke und wie es ihn fast sprengte, daß er sich überwand, sie nicht nahm. Ihr Mitleid erreichte die Tiefe, der blitzhafte Aufriß seines Herzens, das demütig solche Kraft überwand, wies sie zu vertiefterer Aufgabe. Sie mußte den Himmel ihm schöner überrunden, sich unendlicher mit dem Blut unter ihn betten, ganz sich verschenken an das, was sie verschmähte. In der Nacht, als sie schlief, öffnete ein Gewitterwind die nach innen geschliffenen Rundfenster, stürzte sich auf sie, schreiend fuhr sie auf, ergriff den Leuchter, rannte los, sah Stefan an einer Portiere, lief in seinen Arm, entsetzt von Schlaf und Schrecken. Sein Arm kam. Entfesseltes schlang um ihre Taille, noch tastend, zag. Dem Zögernden unterzog sie sich, gab sich hinein. Ein seltsamer Ruf, es schwoll heraus, ihr Hemd schwand,

ein Mund nahm ihren. Hände über ihrem Bauch, die langen Beine fuhr es hinunter. Die Kissen schwollen über ihr. Lippen zogen über ihren Leib, küßten die Sonne, die um den Nebel lag, alle Strahlen, die rot wurden. An jede Hautpore wuchs die Hand, unverlierbar nahm sie, ließ wieder, erfaßte Neues. Tiefster Schmerz durchjubelte die Hingabe. „Daisy.“ Hell, hingegeben dem Schmerzlichen in der heiseren Frage, ohne Zögern: „Ja.“ Die Hand über den Hüften griff zu, Nebel riß über den Augen. Haare lagen zerstört und locker um den Körper, dessen feuchte glänzende Bronze das Kerzenflackern überschwemmte. Sie lag, als er schlief. Sie lächelte über das Geschenk, das sie ihm gab. Es war das Letzte, was sie konnte. Vom verflossenen Gewitter duftet der Garten herein, durchbricht den Raum. Es war ihr, sie erreiche die verschlossenste Grenze seines Wesens, habe ihn erfüllt. Am Morgen öffnete er ihr den versperrten linken Flügel. „Ich sparte es auf bis heute.“ Sie trat ein.