Das Wappen hielt sie fest, lang. Sie zündete die Kerze an. Schlug das Buch auf, zerfuhr es mit den Fingern, blickte um mit einem rätselvollen Gesicht. Einen Augenblick trat der Raum hinein. Sie sah nicht die Rebstöcke aus Gold. Fontänenwasser kam in die verzehrende

perlmutterne Schale. Es kamen gerade Herren, golddunkle Bilder, Damen auf der altjapanischen Tapete und Jäger mit demantener Agraffe. Es kam ein Degen. Zersplittert, in den Trümmern gerahmt ein Spiegel mit dem Pistolenschuß in der Mitte. Es kam auf dem Tabourett in Wachs mit blauen Adern ein Kopf, eine rechte Hand. Es trat wieder aus ihr hinaus. Sie sah nur das Wappen. Es hielt. Es war das eigene, kam herauf aus den gestrichenen Jahrzehnten, wurzelte unten im Schoß der Generation. Ihr Blut griff zu, vermählte sich. Saß über holzgeschnittenen Signets. Es kamen ungeschickte, gestammelte Worte. Geschnörkelte Zeichnungen machten den Übergang unsicher. Hochmütige Sätze kamen, Buchstaben großer Form. Der Wahlspruch schien auf: Wenn ihr mit Männern spielt, so wißt mit wem . . . Und ist es mit Frauen, um was ihr spielt. — Aus dem Buch stieg der Saft des Gelebten. Der Raum erhielt Gewalt. Aus den Blättern der Miniaturen quoll der angesammelte Atem der Generationen. Die Farbe der Gewänder bekam Gewalt und blühte.

Die Miniaturen platzten unter den Muskeln, die sich reckten. Der Stolz der Frauen sprengte die Taillen und die Sanftmut der Elfenbeinfarben. Die Wangen röteten sich unter dem Puder und glühten, Lider hoben sich schwarz und flammten sie an. Degen und brokatene Mäntel zuckten. Ein kühnes Auge traf sie wild. Ein Turban erschien mit den Augen der Gazelle darunter

in der Galerie der Frauen. Von da ab waren die Köpfe ähnlich wie der ihre, wie ihres Vaters.

Sie sah den Ahnen, der dies Haus sich baute. Sein Körper war größer und gewandter wie der der anderen. Sein Gesicht glatt und gefurcht von zwei großen leidenschaftlichen Linien. Unter dem Feuer seines Auges fingen die Spiegel des Raumes zu leuchten an, in ihrem verschleierten Glanz begannen weiche Hüften der Frauen zu wiegen, braune Torsos schlangen sich dagegen. Atem wilden Genusses rauschte mit Lachen in der Seide. Dies Gesicht führte ihr Geschlecht auf den höchsten Punkt ihres Blutes.

Sie sah seine Schrift, seine Briefe. Frauenleiber wandten sich ihm zu und sträubten sich auf vor ihm. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle . . . ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die Luft. An einem heißen Abend begann er, dies Schloß zu bauen für den Sommer und die Zärtlichkeit der Frauen. Er stand davor, als er ankam. Die tiefen Fenster wühlten in der wollüstigen Nacht. Terrassen bogen sich kühl hinunter zwischen dem Taxus und den Hermen. Der Park stand wild voll Duft der Rosen und Jasminen. Fontänen bohrten sprühende Lanzen in die blaue Blumendämmerung. Ein Zimmer war erleuchtet mit vielen Kerzen. Er trat hinein. Am Morgen schrieb er mit vier Sekretären, noch feucht von der Haut der Geliebten. Dann ging die

Sonne auf, er erhob sich und weckte sie aus Träumen von ihm. Da jagte er die Tiere. Die Sommer wechselten und fielen heiß herunter einer in die Spur des anderen. Da liebte er Dirnen. Er schoß die Saue. Das Pferd rannte unter dem Spiel seiner Schenkel. Kerzen blitzten um nächtliche Spiele. Lange Profile hingen wie Glas gegen den Schatten. Die Edelleute naher Höfe schwitzten um seinen Kartenschlag. Da fuhr er in Wagen. Da schlug er Hunde und küßte die Nägel ungeliebter Frauen. Ein einsamer Sommer umgab ihn ganz allein. Er wanderte, die Arme über die Brust gekreuzt, die Wege herauf, die Wege herunter. Seine Augenbrauen schoben sich im Dreieck zueinander. In einem zitronen trockenen Juli sah er auf der Landstraße ein braunes Kind, das in den Himmel lachte und nicht sprach. Er nahm es mit sich. Aus heißen Ritten warf er den Körper in das Bassin, das kristallen um ihn schäumte. Dumpfe Nächte durchschlief er mit schweißigem Haar. Mit großen Orden, den Degen zum Knie gesenkt, empfing er eine Fürstin, den Fuß am Schlag. Sie warf ihm Blicke zu durch das Glas ihrer Equipage, die er geschmeichelt nahm. Er diktierte Briefe, Befehle, Politik. Er arbeitete eine Intrige aus, die in London sich kraus gestaltete. — Dann schlief er allein durch einen ganzen Sommer sich durch, locker in der Kleidung, zufrieden und still das Gesicht . . nichts weiter tuend,

als den Himmel ansehen durch den Regenbogen der Tritone . . .

Das Buch blieb geschlossen, die Lider stellten sich nach innen. Der Raum trat aus ihr heraus, wie die Fenster sich öffneten alle in den Parkmorgen. Stefan rief herein, sie ging neben ihm. Blätter, Büsche, Esel tanzten vorbei. Sie gingen. Das Ende kannte sie, seine Arbeit, seinen Tod. Es hatte ihre Jugend durchdrungen, ihrem Dasein Luft gegeben, Liebe. Daher kam sie. Das Vorspiel war neu, unwichtig, aber bestimmend. Er ging vor ihr her, die gleiche Kurve unten am Rand des Geschlechts, der gleiche Schnittpunkt führte sie wie ihn. Aus dem Knax kam sein Werk. Sein Rausch wurde Sinn, als die Gegenströmung in seine Sehnsucht sauste. Die Summen zog er aus dem Entsagen. Sie reckte sich, spürte sich mit ihm durchblutet. Er ging vor ihr, war der Vordere, ließ ihr ein Vermächtnis. Sie lächelte, sicher genug in sich, aber die Rechtfertigung ihres Daseins aus dieser mystischen Quelle bog sie auf vor Befriedigung. Sie gingen. Luft strömte frischer, die Beeren leuchteten. Sie gingen rascher. Er hatte gelitten, geschafft, die Lippen zerbissen, ausgeschlagen, sie empfand jede seiner Minuten. Das Vermächtnis wuchs. Von Vaudreuils Herzschlag vorwärtsgeschnellt fühlte sie sich getrieben. Fortsetzung seines Handelns kam an sie nach der Pause des Geschlechts, nach der Ruhe. Sie führte zurück

in die Gemeinschaft, was er restlos erwarb. Er eroberte. Sie half. Das Angehäufte veredelte nun. Er schuf Platz für Menschen, siedelte, schaffte Arbeit. Sie aber befreite, die Sklaven geworden in diesem Beruf. In ihrem Blut saß die Vertrautheit seines Schicksals so, als habe er sie gezeugt, erzogen, seine Adern hinübergeführt in ihre. Und jeder Tropfen Blut trieb, forderte, verhieß Vollendung, Wirkung, aufbäumenden Zwang zur Tat. Die neue Kraft, die bestätigte, bestürzte sie, machte sie gierig nach Tätigkeit, wenn diese Mission vollendet, die sie noch umfing. Sie neigte sich zur Seite, nahm Stefans Hand. Es würde vorübergehen. Sie gingen.