Er salutierte und dachte dabei an Ritch. Er fand Grace zu mager. Mit der Geschicklichkeit der Leute, die das für sie Unerreichbare aus ihrem Geschmack ausschalten, hatte er infolge ihrer runden Formen die Javanerin, die ein hübsches Tuch als Turban trug, bereits in sein Herz geschlossen. Sir Davis konnte Grace von dem Geheimnis erzählen, über welches das Schiff munkelte. Ritch erhielt gewisse Befehle. Der Kapitän widerstand der Neugier einer so hochstehenden Dame. Der chinesische Sekretär vermochte in der Angehörigen eines der höchsten englischen Beamten keine Feindin seiner Aufgabe zu sehen. Auf diese Weise erblickte Lady Grace die Kette durch das Glas.

Capt. Pound kam in die Lage, durch sein Scherenfernrohr zum erstenmal eine beispiellos schöne Frau zu sehen, die die Kette besichtigte. Er sah dieses Gesicht öfters und es prägte sich ihm ein. Pound empfand einen Haß gegen dieses Gesicht, das sich mit seinen meerblauen Augen an die Kette festsaugte und von dem er bemerkte, daß es zitterte. Es bebte nicht mit den Nerven oder mit den Augen, es zitterte mit der ganzen Gewalt einer Gefangenheit, die hinter einem kühlen Gesicht sich bäumt. „Ich gehe meine Bären füttern,“ sagte sie im Scherz, wenn sie hinunterschlüpfte. In der Tat, sie hatte etwas von der Leidenschaft der Dompteusen, die ihre Macht über die Tiere genießen und dabei selbst etwas von der Grazie und der Gefährlichkeit ihrer Tiere angenommen haben.

Sie hatte die blitzhafte Kraft in der Wirkung ihrer Erscheinung beibehalten, aber es war ein wenig von der geheimnisvollen Gefahr der Steine auf ihr Gesicht getreten. Ihre Anmut schien voll tödlicher Schrecken, ihre Gefahr aber war ihre Anmut. Lachend verwöhnte sie die Wärter mit Früchten und Zigaretten. Die kleinen Chinesen aßen ihr aus der Hand wie einem Wärter die Katzen. Vor Marseille gab sie ihnen Opiumzigaretten, sie wirkten nicht und sie mußte das Experiment vertagen. Inzwischen hatte Ritch eingesehen, daß der Kapitän gewisse Eigenschaften, die ihn auszeichnen müßten, ebensowenig besaß als Schlüssel.

„Dieses Glas,“ sagte Sir Davis eines Tages vor der Stahlkabine, „muß eine luftleere Füllung besitzen, sonst wäre das Gestein nicht zu sehen.“ „Zehn Jahre auf dem Ozean,“ sagte der Kapitän, „und es interessiert Sie nichts mehr als eine Frau.“ „Aber,“ sagte Sir Davis, „deshalb vermag doch ein gewisses Quantum Luftleere zwischen dem Glas sich zu befinden“. „Möglich,“ erwiderte der Kapitän und nahm eine Pfeife in den Mund und pfiff, „ich kümmre mich nicht darum.“ Diese Hoffnung ging für Grace verloren. Ritch verschaffte ihr aus dem Zimmer des Sekretärs den Schlüssel, nachdem sie ihn narkotisiert hatte. Man war vor Lissabon, die Wärter hatten ein Mittel im Bauch, das sie wie Klötze liegen ließ. Der Dampfer hatte schon angelegt und sollte am nächsten Tag nach Rotterdam fahren.

Das Mädchen trug einen schwarzen Ledermantel mit einer ähnlichen Mütze. Als sie den Schlüssel umdrehte, der nach einer besonderen Weisung gedreht werden mußte, brach er ab. In dem gleichen Augenblick sah sie einen furchtbar aussehenden Mann eine Tür aus der gegenüberliegenden Wand herausdrücken und sich blitzschnell nach dem kleinen rot ausgeschlagenen Sarg hin bewegen. Ehe er zugriff, schoß Lady Grace einmal in das Glas. Es war nicht luftleer gefüllt und die Kugel prallte ab. Den zweiten Schuß gab sie in das Schloß, die Kugel drang ein, blieb aber stecken.

Zwischen den beiden Schüssen sah sie plötzlich von der Decke einen Matrosen herabstürzen. Dieser Mann war ohne Zweifel schön und bei anderer Zeit hätte man ihn bewundert. Er hatte eine klare weiße, fast zu hohe Stirn, was seinem Kopf eine Bedeutung gab, die etwas zu stark war für die banale Schönheit seiner Mund- und Augenpartien. Die Nase war nicht gerade edel, aber stolz genug, die übrigen Gesichtsfehler zu beherrschen und einheitlich zu machen. Seine blauschwarzen Haare setzten mit einem Halbbogen wie bei Jüdinnen an und waren tief und lang zurückgestrichen. Dieser Mann, der eine Spur zu gewandt war, um nicht weichlich zu wirken, griff nach der Kette. Es war zweifellos, daß er kein Matrose war.

Capt. Pound rollte die Augen, als ob er sterben wolle. Dieser Mann war George Good, sein Partner, der ihm die Beute abjagte und den er nicht berühren durfte, solange dieser nicht einen Verrat beging. In diesem Augenblick, den ihre Pupillen sich ineinanderbissen, griffen beide nach der Kette, es ward dunkel. Man stürzte auf die Schüsse herbei. Da man den Eingang durch die Kugel versperrt fand, mußte die halb wahnsinnige Grace den Eingang von der anderen Seite erklären. Man fand, wie sie gesagt hatte, durch Capt. Pounds ehemalige Kabine keinen Eingang, kam jedoch durch ein Loch über den Schornstein herein.

Ein Mann, der tagelang mit einer Rauchmaske gearbeitet haben mußte, hatte mit einer Unmenge Säure den Stahl zerstört. Im Innern fand man die Mechanik der Klapptüre, aber man kam nicht weiter, da die Öffnung nach dem Korridor und Pounds Kabine nur durch ein seltsames System von Druck- und Klopfbewegungen herzustellen war. Die beiden Männer mußten durch den Schornstein geflohen sein. Mittlerweile hatte Lady Grace jene Kälte angenommen, die unbegreiflich ist, wenn man sie vorher kannte. „Laternen“ schrie sie sofort, während die anderen noch untersuchten, Davis ins Ohr.

„Sechsundzwanzig Jahre,“ flüsterte der alte Seigneur, als er die Blendlaternen rollen ließ, „aber das Genie eines Feldherrn.“ Sie entdeckten zwei Boote und folgten mit einem der kleinen Motore, die heruntergelassen waren. An der im glatten Hafenwasser noch stehenden Furche sahen sie, daß sie einen Motor vor sich hatten. Auf der Verfolgung hörten sie Ruderschläge. Sir Davis, der einen Scheinwerfer bediente, richtete ihn nach der Seite. Sie hatten zwei Matrosen bei sich und schossen durch ein Gewirr von Dampfern. Die Ruderschläge gingen nach der Seite und sie sahen einen Kahn, der, von einem Tollen gerudert, gerade an einem Segler anlegte. Sie schossen hinüber.

Bei ihrer Ankunft hatte der Mann sich an Bord begeben; indem er einen ganz unglaublichen Sprung, aufs Ruder gestützt, gemacht und ein Tau erreicht hatte. In diesem Moment zog einer der Matrosen Lady Grace bei Seite, bekreuzigte sich und hob den Daumen in die Höhe. Sie erkannten am Wimpel, daß das Schiff die Pest und das gelbe Fieber hatte. Sie hatten sich dem Quarantäne-Schiff genähert. Grace war außer sich. Sie warfen den Motor herum, fanden die Spur des anderen und folgten, sie sahen das Motorboot lediglich an einer Mole treiben. Als der Matrose auf das Fieberschiff sich schwang, hatte Lady Grace ihn erkannt. „Photographiere“ zischte sie und Ritch faßte ihn mit einer wunderbaren Magnesiumflamme.