Der eine Matrose hatte ihn ebenfalls erkannt. „Capt. Pound,“ sagte er zu sich, „war an Bord. Wir waren nicht allein. By Jove, er hat bestimmt, auch wenn es das erstemal ist seit Cuba, Gründe, sein Bein zurückzulassen.“ Er täuschte sich. Es war vielleicht der verrückteste Erfolg, den Pound in seinem Leben hatte, als er sich mit seinem Bein unterm Arm auf das Fieberschiff schwang, das er vor Wochen nicht verlassen durfte und von dem der unerschreckbare Bursche nach drei Tagen ans Ufer schwamm.
Lady Grace schäumte vor Wut. Dieses junge Mädchen war von der Pranke des Geheimnisses erfaßt wie ein Süchtiger von dem Mond, der ihn verzaubert. Sie zermarterte hinter der glatten ruhigen Stirn ihr Hirn, man hätte sie nach dem Namen ihrer Mutter fragen können und sie hätte mit der Antwort gezögert. Sie bebte vor Zorn, daß sie besiegt war und verstand diesen Zustand hinter einer Vernunft zu verstecken, die eigentlich Mathematik ist.
Ein junges Mädchen, das vor Leidenschaft beginnt, ihre Chancen zu berechnen, ist in der größten Gefahr, weil sie ein fürchterlicher Gegner geworden ist. Sie treibt die Waffen der Feinde zur abscheulichsten Grausamkeit. „Ich habe,“ sagte sie sich, „Ritch, die für mich zu sterben bereit ist und Mittel. Dazu zähle ich Davis. Er ist ein Gerippe, aber dieses Gerippe ist ehrgeizig auf seine Männlichkeit, darum wird er unendlich treu sein. Im übrigen werden wir sehen,“ und sie biß sich auf die Lippen mit einem Ausdruck, der hätte sagen können, sie meine das Leben ihres Vaters.
Man wird diesen Zustand der Leidenschaft nur begreifen, wenn man immer daran festhält, daß, wenn das Höllische in ein so reines Gefäß fällt, es sämtliche Kraft zu allen guten Handlungen, ja selbst die zärtesten und unausgesprochensten Gefühle zu einer unglaublichen Energie zusammenbindet. An Hand der Photographien erfuhr sie in kurzer Zeit, daß Pound in Lissabon war. In Lissabon findet man jemand, den man sucht, leichter bei Nacht als am Tag. Auf der Placa do Commercio kauft man um Mitternacht nicht nur Tänzerinnen, sondern auch Gemüse. Dies Volk der Weltentdecker hat eine bezaubernde Art, seine Vergangenheit auf den Banknoten zu verherrlichen, die sie mit einer solchen Leichtigkeit ausgeben, daß die Geschäfte genötigt sind, die ganze Stadt nachts zu illuminieren. Hier läuft, während in den Varietés Quadronen und Mestizinnen tanzen, die Hochbahn wie auf Seilen durch den Sternhimmel, die Motorräder brausen vorüber, und wer auf einem zweispännigen Wagen oder einem Auto oder Sattel sitzt, schwenkt den Hut, um die Damen auf der Avenida in ihrem Korso zu begeistern, wenn sie zu einer ihrer heißblütigen Beichten gehen, zu denen die Kirchen die ganze Nacht offen stehen.
Lady Grace vermutete, daß es leicht sei, in diesem Tollhaus die Spur eines Mannes zu entdecken, den sie berauben oder zum mindesten übertölpeln wollte. Sorge machte ihr lediglich der Gedanke an jenen Matrosen, von dem sie nicht annehmen konnte, daß er Pounds Gehilfe war, da er gezittert hatte. Auch war ihre gemeinsame Flucht diejenige von Gegnern. Sie fühlte, daß sie diesen Mann nicht genügend bei ihren Plänen bedachte.
Sie machte trotzdem den Fehler, den imposanteren Mann für den gefährlicheren Partner zu halten, in den eigentlich nur Frauen fallen, die geliebt haben. Sie bedachte nicht, daß George Good sie gesehen hatte und sie von seiner Seite beobachtete.
Good, der auf eine glänzende Weise den Capt. übertölpelt hatte, indem er auf dessen Schiff sich aller Energieaufwände Pounds bediente wie die Parasiten, die in der Gestalt von Vögeln im Mund der Krokodile Sicherheit und Nahrung haben, um damit den Capt. zu betrügen, war ohne Zweifel vorderhand der geschickteste Feind. Er war der elegantere, das heißt der klügere. Seine Weichheit erlaubte ihm, auf Brutalität zu verzichten, aber die Rohheiten seines Partners durch seine Intelligenz auszunutzen. Er war eine jener glücklichen Naturen, dem diese Abenteuer dennoch ein, wenn auch glänzendes, so dennoch begrenztes Spiel da noch blieben, wo die anderen schon Fanatiker und damit gebunden waren. George Good beobachtete noch, wo Pound schon schäumte.
Als er im Augenblick der Schüsse, die Grace abgefeuert hatte, ihr Gesicht, daß er täglich beobachtete, sah, war ihm die Leidenschaft dieser Frau noch nicht klar. Er war entfernt, eine Besessene in ihr zu sehen, aber zu intelligent, einen so ungewöhnlichen Vorgang mit einer Liebesangelegenheit zu verquicken. Da er Lissabon an dem ersten Tag nicht verlassen konnte, reizte es ihn, das Geheimnis der Frau auszukundschaften. Er ging dabei in seine eigenen Netze. An diesem Tage wurden zwei Dutzend Offiziere der Marine verhaftet und der Hafen gesperrt.
Good hatte in einem Kasino masqué beim Chemin-de-Fer-Spiel Grace gesprochen und über die Halbmaske mit ihr Worte zu wechseln versucht. Sie hatte sich umgedreht, da sie ihn nicht erkannte und mit ihrem Hochmut den Mann gereizt. Er hatte in ihrem Hotel Wohnung genommen. Es gelang ihm, eine Sekunde in ihr Zimmer einzudringen. Zu seinem Unglück sah er sofort das Bild des Capt. Pound und hielt sie für Pounds Geliebte, ohne zu ahnen, daß jeder Detektiv Lissabons dieses Bild in der Tasche trug. Er fühlte sofort, daß er Pound unterschätzt hatte, der mit solchem Aufwand vorging und reiste dahin, wo man ihn am wenigsten vermuten konnte, nach Rotterdam.
Grace hatte natürlich das Fieberschiff umstellen lassen und Spitzel in der Baracke, durch welche die Gesundeten in Quarantäne gingen. Da sie Geduld noch nicht zu ihren Waffen zählen konnte, machte sie sich auf einen Einbruch in das Schiff bereit. Hier konnten ihr weder Davis noch Ritch zu Diensten sein, sie sandte sie weg. Davis hatte ohne Zweifel soviel in seinem Leben nicht flaniert. „Wenn sie,“ sagte er sich, „meine Augen ruiniert, wird sie mir gestatten müssen, sie mit den Händen zu befühlen. Praxiteles soll im Alter auf ähnliche Weise die Schönheit wahrgenommen haben.“ Im übrigen war dieser Geck bis zur Besinnungslosigkeit treu. Da sein Verstand sich vollkommen auf den Dienst bei jungen Frauen eingestellt hatte, war ihm das Bewußtsein des tieferen Sinns aller Vorgänge abhanden gekommen. Sein Verstand arbeitete wie die Vernunft der Setzer, die ein Wort aber nie einen Satz im Gedächtnis behalten. Er war vielleicht der geschickteste Detektiv, weil für ihn schließlich jeder Mann ein Konkurrent war und nur der Hahn das beste Gehör für jenes siegreiche Kikeriki eines anderen besitzt, das noch kaum angestimmt ist.