Als Grace sich zu dem furchtbaren Schritt entschloß, sich durch eine reichliche Bestechung an das Fieberschiff fahren zu lassen, erfuhr sie, daß Pound an Land sei. Eh weiteres bekannt ward, sprach erst sie dann Davis mit Good. Grace hatte ihn verachtet.
Die Maske hatte Davis eingeholt: „Diese Dame,“ sagte sie ihm ins Ohr, „könnte eine Prinzessin sein, denn sie ist sehr stolz. Vermutlich kann sie eine Bürgerin sein, denn sie setzt so hoch, wie Aristokraten es nicht tun würden, die den Reiz des Geldes schon zu lange kennen, um es so unsinnig auf die Kante zu setzen. Aber ich wette, sie vermöchte auch, nachdem ich ihre Augen gesehen habe, die Geliebte eines Piraten sein, der eine Kanonenkugel von achtzehnhundertsiebzig als Kopf, einen Boxhandschuh als Herz, eine Leber an Stelle der Nase und als Charakter ein Stelzbein hat.“ „Dies erste“ erwiderte Davis ihm, „ist sie nicht, aber sie kann es jeden Tag sein. Der zweite Verdacht stellt Ihren Scharfblick so in Frage, daß man zweifeln muß, ob Sie ein Edelmann sind, so daß daher leider für die dritte infame Frage Sie von Sir Joshua Davis nicht zur Rechenschaft gezogen werden können.“ Der alte Geck benahm sich wie ein verliebter Franzose und ließ den Maskierten stehen, nachdem er sich aus Eitelkeit verraten hatte.
Zwei Stunden später war Good im Hotel. Den Tag nach ihm reiste Pound ab, der ihn beobachtete. „Vielleicht,“ sagte sich Grace, „ist auch Good hinter Pound hergefahren,“ als Ritch ihr erzählte, daß sie Good auf dem Gang in dem Moment angetroffen hatte, wo er wie durch Irrtum ihre Tür öffnete. Auch Davis erinnerte sich an den Mann, mit dem er gesprochen hatte. Diese Personen, die nach Graces Angaben suchten, hatten alle durch ihre Fehler nur das Wesen Pounds zu entziffern gesucht in dieser Stadt, die sie wie ein Karneval überfiel und Good nicht beachtet. Grace richtete sich auf beide nunmehr ein, nachdem sie eine Niederlage von demjenigen erhalten hatte, den sie verachtet hatte. Sie hatte nunmehr seine Witterung.
Sie folgte bis Rotterdam. „Welcher von beiden hat die Kette?“ fragte sie sich in zwei Nächten, die sie im Zug verbrachte. „Wer verfolgt und wer wird gejagt? Ist das ganze Arrangement gar eine Täuschung? Vielleicht führt sie ein Dritter weg, während ich hinter diesen beiden her bin? Genug,“ endete sie jedesmal mit seltsamer Gelassenheit, „sie ist da, ist geraubt, sie muß zu finden sein.“ Das hieß, daß sie an ihre Mittel und ihre Leidenschaft glaubte. Sie war derart besessen, daß sie vollkommen überlegen war.
Woher, fragt man, besaß dieses Mädchen, das vor drei Wochen die behütetste Erbin in York war, die Kenntnis dieser Welt, diese Erfahrungen, die einen Abgrund an Lastern voraussetzen, jene ungewöhnliche Sicherheit, die nur großen Kokotten oder alten Lebemännern eigen ist? Diese Frage erledigt eine Tatsache: ihr Genie. Die Tradition einer alten Familie hatte in ihr alle Fähigkeiten, der Welt gegenüber sicher zu sein, so vorbereitet, daß im Augenblick, wo sie innerlich entflammte, sie wie durch ein Geheimnis die Erfahrungen übersprang und aus dem Genie ihres Instinkts heraus alles beherrschte. Ihre Besessenheit gab ihr die Überlegenheit über die Ideen des Lasters und Verbrechens ebenso zu gebieten, wie sie es über diejenigen der Tugend und der Mädchenhaftigkeit getan hätte. Sie hatte sofort und ohne Probezeit den Schritt vom nichts zur Vollkommenheit getan.
Ungeschickterweise setzte man sie in Rotterdam auf eine falsche Spur. Es schien, als solle sie nicht aus der Eisenbahn herauskommen. Sie fuhr diesmal hinter Good her bis Warnemünde, von wo dieser nach Dänemark übersetzen sollte. Diese Nachricht kam von einem Paßbureau und zu ihrem Unglück prüfte sie sie nicht genauer. Sie verwirrte die Fäden damit ins Unendliche. Die drei Hauptspieler dieses Stückes hatten sich bereits derartig eingekreist, daß es kein Entrinnen mehr gab. Da einer immer den anderen beobachtete und mindestens vom Aufenthalt eines der drei auf dem Laufenden war, trafen sie sich stets zusammen und hingen mit unsichtbaren Ketten einer Leidenschaft aneinander, die ungeheuer war, aber deren Gefühle sich aufs schroffste unterschieden.
In der Tat reiste George Good nach Warnemünde, aber ohne Paß, und erst nach Lady Grace. Pound, der erfuhr, daß Good hinter einer Frau nach der Ostsee fuhr, erlitt einen Wutanfall. Nach der Beschreibung war kein Zweifel, daß es sich um jenes Weib handelte, das er tagelang durch sein Scherenfernrohr an dem Glas seiner Stahlkabine gesehen hatte. Er brachte es mit seinem Hereinfall zusammen und schlug die Zähne aufeinander vor Ärger. Er zweifelte nicht daran, in dieser Frau Goods Helferin und Geliebte zu sehen und war bereit, ihnen einen furchtbaren Streich zu spielen. In diesem Fall vereinte der Zufall, auf den zu setzen ein Wahnsinn, den nicht zu bedenken ein noch größerer Unsinn ist, die zwei Männer und die Frau, welche zu folgen glaubte, aber die Gejagte war. Angekommen, erreichte sie es, das Zimmer des Mannes zu sehen, hinter dem sie herzusein vermutete.
Einer jener seltsamen kleinen Zufälle, die scheinbar Beweise sind, ließ sie ein halbgeräumtes Zimmer sehen. Da die Fähre ausgeblieben war, hatte der Mann das Stations-Flugzeug genommen und sie sah dieses am Horizont noch niedergehen. Sie verfolgte das Wasserflugzeug, das eine Panne hatte, mit einem Küstenmotorboot, einem abscheulichen plumpen Kahn, der sie halb tot puffte und erreichte es, als der Passagier von einem der Hochsee-Fischerboote aufgenommen wurde, die drei Masten haben und wie eine Arabergasse stinken. Dieser Herr aber, den sie an Reeling rufen ließ, hatte nicht nötig, ihr die Gründe seiner Eile anzugeben, denn sie hatte dieses Gesicht auch im Traum noch nicht gesehen.
So kam es, daß, als sie nach Rotterdam zurückfuhr, ihr Schlafwagen die Züge kreuzte, in denen zuerst Good, dann Pound an ihr vorüber nach der Ostsee sausten. Keiner Betonung bedarf es, daß beide ihr wieder folgten. Dabei erlitt Good eine Schlappe, weil Pound ihn dem Zoll denunziert hatte und ihn durch eine scharfe Kontrolle laufen ließ. Da man nichts fand, konnte er triumphieren, aber er mußte diese Visitation einer Macht zuschreiben, die ihn überwachte. Er machte hier seinen größten Fehler, denn er begann Pound zu hassen, auf dessen Geliebte er die Schuld seiner Kontrolliertheit schob, und verlor damit seine Sicherheit. Der Haß schob die beiden Spieler der Leidenschaft auf einer Ebene nah zusammen, auf der es kein Entweichen mehr gab. Als George Good am Bahnhof Muiderpoort in Amsterdam ankam, war er tief in das Netz eines Hasses geraten, der ihm nur einen Ausweg ließ, den verderblichsten. Er hatte sich mit dem Bild jener Frau, die er mit Pound dauernd zusammenbrachte, so heftig beschäftigt, daß ein Mensch von seiner Schönheit und Gewandtheit sich glühend in sie verlieben mußte. Er begehrte dieses Mädchen plötzlich mit einer Wildheit, die ihn unfähig machte, seine Klugheit anzuwenden.
Er wäre vernichtet worden durch diese Leidenschaft, wenn nicht Capt. Pound von einer anderen Leidenschaft ergriffen worden wäre, die so finster war, daß sie ihn fast erblinden ließ. Dieses Stelzbein, das noch nie geliebt hatte, war unfähig zu begreifen, daß eine Frau schließlich jeden Fehler bei Männern entschuldigt, die sie lieben. Das Leben dieses Seemanns, der ein unerschrockenes und daher kindliches Herz besaß, war auf jene Treue gestellt, die überhaupt nur auf Männer rechnet. Einen Treubruch hätte er nicht überlebt, und als eifrigster der Mitglieder des Mégroz-Clubs hätte er einen Abfall von seinen Gesetzen als ebenso toll und verabscheuungswert angesehen, wie er in einer besseren Zeit den Übergang zum Feind von einer Front zur anderen verdammt hätte.