Den Morgen darauf brachte er ihr ein Falkenpaar, das in Brunst war, und nannte sie: Silberne Drossel — und blieb und küßte sie. Sie nahm keine Scham vor ihm und zog sich an, während die ersten Lichtstreifen den Boden kräuselten. Sie bat ihn zur Messe gehn zu dürfen, und er begleitete sie. Vor drei Altären betete sie. Die aneinandergelegten Hände hob sie vor jedem hoch auf im Dank, und dies war wie der Anfang einer Unsägliches ausstreuenden Gebärde. Als sie das Münster verließen, war der Ausgang versperrt. Eine Frau lag da in Kreuzform die Arme geweitet auf Bauch und Gesicht und betete fieberhaft. Vier Kreuze standen um sie und neben jedem Kreuz eine armlange Kerze mit zuckendem rötlichen Licht. Einige Leute standen um die Büßende, die nicht aufsah. Beautrix zögerte.
Aber Jehan ließ sich nicht verwirren. Er kannte die Frau. Er nahm Beautrix auf die Arme wie am ersten Tag, schritt über die Liegende und durch den dunkel aufgewölbten Mund der Kirche hinaus ins Licht. Und setzte sie nicht nieder; trug sie so über den Markt. Als er in die Straße einbog, setzte ihm schrilles Geschrei nach. Ein wenig wandte er den Kopf: Schwarz, schäumend stand mit wehenden Armen die Dame vor dem Portal und nannte Beautrix eine Dirne.
Jehan jedoch trug die Errötete in sein Haus.
Am nächsten Tag kam Jehan nicht. Er brachte keine Geschenke.
Aber wie die Dämmerung die Schatten vom aufgewühlten Gesicht der Beautrix abpflückte, nannte Jehan sie seinen Falken. Denn er war die ganze Nacht mit ihr.
Von diesem Morgen her hieß Jehan Beautrix in jeder Frühe seinen Falken. Manchmal auch: silberne Drossel. Doch dies geschah selten und nur bei Gewittern, die mit roten, glühenden Netzen das Fenster äderten und in eine überhitzte Glut anschwollen. Sie blieben einen kurzen Atem lang zitternd und wie ein Segel und zum Sprung gespannt in der Öffnung hängen mit gelbgrünen Drähten. Da warf sich Beautrix in seinen Arm und bebte ein wenig. Denn das bedrückte ihr Herz und war ähnlich wie das im höchsten Entsetzen zerbogene maurische Gitter in Jehans Arbeitszimmer. Das haßte Beautrix.
Zwei Wochen später ging Jehan zu einem Puy nach Rouen. Als er zurückkam, erwartete sie ihn lange blaue Stunden lang am Tor. Sie sah ihn die weite Plaine heraufkommen. Er winkte ihr zu, hetzte sein Pferd heran und schenkte ihr aus Freude seinen Preis, einen Mokoko. Der Affe schnurrte den ganzen Tag in seinem Bauer aus Holzstäben. Aber Beautrix zog die Lippe hoch. Da warf Jehan ihn aus dem Hause und ließ ihr eine weiße Blumennische bauen. Kaufte ihr einen ungeheuer bunten Papagei, mit dem sie spielte und ließ ihr einen Hengst in den Stall stellen, der weiß war wie seine Stute. Denn ihm kam es vor, alles müsse hell sein um sie, und er peitschte einen Griechen, der ihm einen Falken brachte, der nicht so weiß war, wie er ihn verlangt hatte. Beautrix’ Haut war das strahlende Licht und die ewige Lampe von Arras.
Eines Morgens tanzte Pferdegeklapper auf ihrem Schlaf und holte sie aus ihm hervor, und Jehan legte ihr selbst die gelben Strümpfe über die Füße und zog sie zwischen Daumen und gerundeter Hand bis übers Knie. Beautrix warf ein kurzes Kleid drüber und flocht ins Haar ein Band mit drei Sternen. Dann nahm sie zwei Falken und Jehan nahm zwei Falken und ritten Hasen jagen. Und als einer der Vögel mit einem maßlos trunkenen Aufstieg abbog und in den kühneren Kampf aufstieß und in rasenden Kreisen einen Reiher überstieg und Beautrix den Kopf auf das Genick gelegt mit einem Gesicht, das dies spiegelnd und das Übermäßige des Tages und dieses sich in das Heroische des Horizonts Verlierende wiedergab, aufsah, . . . da riß Jehan ihr den weißen, weiten Handschuh über Ellenbogen und Hand und biß ihr hart in den Unterarm aus unerträglich geschwellter Liebe. Sie ritten lang durch eine Ebene mit Weidengestrüpp. Der ganze Busch war voll Reiter und Reiterinnen.
Als Jehan Beautrix, die er verloren hatte, in einiger Entfernung später an den Pailletten erkannte, die ihr Kleid trug, ritt er gerade in dem Augenblick hinein, in dem ein junger Ritter Beautrix den verlorenen Handschuh überreichte, indem er ihn lang küßte, während seine Augen nach ihr langten.
Sie ritten durch den hellen Tag, bis sie voll waren von Jagd und satt und behängt mit Glanz und Abenteuer. Sie einigten sich zu einer Masse, die glänzend und schwer zurückritt, manchmal durchbrochen vom Gelächter einer der Frauen. Jehan ritt mit dem Ritter, der Girard hieß.