Ich machte eine Bewegung mit der Achsel. Antoine kniff die Augen fest zusammen: „Er hat doch sein Ehrenwort gegeben . . .“
„Kurz! Ich sah ihn“, erwiderte ich ungeduldig. Es klang vielleicht schroff. Antoine beugte sich ein wenig vor, als warte er. Wir schauten hinunter. Die Staubwolke hatte sich hinter einem kleinen Hügelzug verloren. Durch die ganze stille Luft hörte man ein fernes und feines Geräusch. Ich nahm Antoine beim Arm:
„Bemühen Sie sich ein wenig zu glauben, daß ich mich nicht täusche. Ich weiß Ihnen gewiß Dank für Ihre Beruhigungsversuche, aber Sie müssen doch einsehen, daß Ihre Argumente wertlos sind. Wenn ich ihn daraufhin, daß er sein Ehrenwort brach und doch wieder in einem Spielbad auftauchte, auf Grund der damaligen Verhältnisse verhaften lassen wollte, hätte ich durchaus keine Möglichkeit dazu, weil wir auf spanischem Territorium sind. In einer Stunde erst erreichen Sie die Grenze. Aber sehen Sie ganz davon ab! Ich will Ruhe und Ausspannung. Es stört mich einfach, auf unangenehme Ideengänge zu kommen. Umsonst vergrabe ich mich doch nicht in die Pyrenäen.“
Antoine zog tief die kühlere Luft des beschatteten Baumganges ein und fachte sich mit dem Hut Luft ins Gesicht. Er nahm seinen Stock und hakte ihn in die Schulter: „Der arme Perdican . . .“, flüsterte er.
Als aber der Wagen nahe wieder sichtbar ward, legte er die Hand auf meine Schulter. Er sah mich kurze Zeit lang erstaunt und wie fragend an. Darauf flog eine rasche Spannung über seine Stirn. Er stellte heftig sein Bein auf einen Stein. Dann riß er Papier heraus und schrieb auf dem Knie hastig ein paar Worte. Ich nahm, etwas verblüfft, den Zettel. Nun diktierte er mir eine Adresse. Währenddem torkelte auf der unebenen Straße die Post herbei. Antoine rief mir rasch zu: „Sie werden dort Ruhe haben, Sie kommen mit meinen Empfehlungen. Lassen Sie die alten Miseren!“
Die Maultiere legten die Köpfe zur Seite und zogen die Ohren trotzig an. Antoine winkte. Sein Bart und sein schräges Profil traten bedeutend aus der Gesichtermenge der anderen Reisenden hervor. Die Diligence rollte um eine Ecke, und die Sonne brandete mit erstickenden Flutungen gegen die Häuser.
Um vier Uhr morgens fuhr ich schon. Unterwegs las ich die Zeilen Antoines. Es mußte ein Dialekt sein. Denn ich verstand sie nicht. Später mußte ich wieder an den Grafen Perdican denken. Er war ein lieber Freund. Sein Tod hatte ungemeine Sensation gemacht. Drei Tage nach seiner Beisetzung sah man, daß sein Partner, dessen Wechsel er nicht einlösen konnte, Karten aus einer doppelten Manschette schüttelte. Man verband damals noch andere seltsame Themen mit seinem Namen. Es war eigentlich lächerlich, daß wir uns damit begnügten, ihm das Wort abzuverlangen. Es war geradezu widersinnig. Damals hatte niemand hieran gedacht.
Ich frug mittags in Tarragona nach meiner Adresse. Es seien höchstens drei Stunden zu gehen . . . Nach viereinhalb Stunden Marsch ward es dunkel. Ich sah Lichter. Ich klopfte. Es dauerte ein paar Minuten. Dann kam ein schmutziger Hausknecht. Er trug nur ein Paar halblange Hosen. In der Hand hielt er einen Kien, den er vorsichtig neben mein Gesicht neigte. Da er nichts sagte und keine Bewegung machte, mich einzulassen, hielt ich ihm Antoines Adresse vor die Augen. Er grinste verschlafen. Nun las ich sie laut vor.
Er trat langsam einen schleichenden Schritt zurück und streckte den Span mit gespanntem Arm noch näher nach mir. Sein Blick umfuhr mich einen Augenblick scharf. Darauf verschwand er: ich hörte verhandeln. Ein Mann mit einem starken Bauch erschien. Sein Gesicht, das Zutrauen erweckte, prüfte mich, während das brennende Holz mich wieder beleuchtete. Er fragte, ob ich fremd sei. Ich sagte: nein . . . Zugleich kam mir meine Antwort dumm vor. Ich zeigte Antoines Zeilen. Er rief sofort ein paar Worte in das Haus. Dann forderte er mich ganz verändert auf einzutreten. Währenddem sagte er, es seien bis zu meinem Ziel noch gut zwei Stunden. Dann lachte er, als ich meine Auskunft über den Weg von Tarragona erzählte. Drinnen saßen noch drei Männer. Sie tranken Wein und würfelten. Da sie stark geraucht hatten, stand eine harte Luft in dem Raum. Eine Lampe hing an Eisendrähten über einem Tisch.
Es wurde still, als wir eintraten. Mein Führer nahm mich bei der Hand, verbeugte sich und sagte: „Der Sennor will zu Joaquin Pelayo . . .“