O Frau von Tervani, vor deren weißer Palmvilla und abenteuerlichem Schmerz mir der Mai die fremde Seelandschaft berauschend versang, wo ich die hellen Stufen von dem Olivenpark zum Strand Abend um Abend hinuntergehend meinen verschollenen Bruder als Steward im Hafen des nachbarlichen Genua erwartete auf einem nie nahenden Schlepper, wo Rosmarin und Buchsbaum und das Licht des gelben Ölbaumholzes aus dem Kamin Frau von Tervani umrahmten — — — — — bis ich aus dem Erwachen ihrer Arme heraus blitzhaft durch die hohen aufgegangnen schmalen Läden über der Terrasse unten im Hafen die ägyptische Fregatte Bonapartes erblickte . . . .

. . . . . daß von dieser Sekunde ab die Wollust mich mit jeder Segelflaute, jedem Wolkenschauer über der süßen Bucht, jedem goldnen Pirol, der uns aus dem Hain herauf weckte, unzähmbar überschwemmte:

nun in die noch unbekannten Länder aufzubrechen, Tiere zu suchen fabelhafter Form, Menschen beispielloser Vielfalt zu erkennen und genießen und belauschen, Städte, Meere, Kape zu übersteigen, Früchte im Morgen, Dampfer an der Reede, Stürme an den Antillen und Schmerzen der Sehnsucht zu erblicken . . . . . . und einmal dann am Ende in Bücher Menschen ohne Zahl und überlegen wie Körner durch das Sandglas stürzen zu lassen, daß noch vier Generationen der Jugend nach mir sagen werden: welch ein herrlich Lebendiger hat hier unvergeßlich gewandert.

Uga, welche Unterwerfungen hat es seither gekostet, Geliebte, bis ich erkannte, wie begrenzt wir sind in dem Dasein und beschämend eingehürdet in diese Welt, daß ich schließlich vermochte, auch über die Zweifel unserer Unzulänglichkeit hinweg so Verflüchtigendes und so göttlich Unerreichbares wie dich, Uga, ganz zu umfassen und auch wunschlos noch zu genießen und zu lieben, wo unsere Hände schon im Leeren treiben und unsere Leidenschaften nicht mehr genügen und fassen.

Welche Opfer und welche Entbehrungen, um dies Ruhige zu erreichen und nicht weiter zu trotzen . . . . . du sahst es nicht. Wenige werden sie meinem Leben und der ihnen zugewandten Fläche meiner Existenz glauben. Niemand wird es wissen.

Es muß nicht sein.

In diesen Tagen kam der Föhn unter wolkenlosen Sternen über die Steppen gefallen. Er wirft sich auf Lil Pax’ Herz.

Sie lächelt. Wenn sie allein ist, stöhnt sie leis. Depeschen kommen. Menschen fahren heran. Eis, Kaviar, Kompotte . . . . man sendet das Erdenkliche in die Villa. Sie erhält Kampfer, Veronal, Morphium. Es vergiftet sie, sie lehnt ab. Die Atemnot kommt. Ich sitze an ihrem Lager. Die Helferinnen pumpen den Sauerstoff über ihr Gesicht. Das Telephon ist belagert. Sie empfängt niemand. Eine Rippenfellentzündung trifft in eine Nacht, sie breitet sich nicht aus.

Sie sieht wie auf ein Spiel, ob ihr Körper es überwindet, ob er versagt. Sie hat die uninteressierte Neugier mit leichter Ironie um den Mund. Als sie keinen Atem mehr bekommt, verliert sie die Teilnahme an der Krankheit ganz. Sie wendet sich scharfsichtig den Dingen zu, die sie mit der Welt verbinden. Nichts erleidet eine Störung. Sie diktiert ihre Post. Sie empfängt, sie unterhält sich. Der Atem versagt. Sie verlacht mit liebenswürdigem Spott die kleine Nonne, die neben ihrem Kissen den Jesus verküßt: „Haben Sie keinen anderen Geliebten?“ Der schönen Nonne stürzen die Tränen. So groß ist die Rührung ihres Zaubers.

Aber als nachts plötzlich die Fieber sanken, das Herz ruhig pumpte, die Rippeninflammation zurückging, die Krise überschwang . . . . . nahm sie Lächeln und Maske des irdischen Aufenthalts von den Augen: