Sie entfernte sich in einer erschreckenden Anmut. In einem unbeschreiblichen Prozeß der Lösung schien der Körper immer weiter sich zu verflüchtigen, und ihr Geist allein beherrschte in quecksilberner Reine die Bögen der Stirn. Ihre Hände schienen nicht mehr da, die Augen, der Mund waren verloren, aber ich habe nie sie so deutlich und greifbar in jeder Muskel gespürt.
Ich hatte falsch gespielt. Ich hatte das Rauschen des knospenden Birkbaums im Garten zu ihr geführt. Ich habe Äpfel, die noch rochen, ich habe Krokus, Aprikosenzweige in Blüte gebracht. Ich legte eine Katze an ihr Bett, sie hörte das Jägerische an ihr. Ich habe einen Wackerstein des Flusses auf ihre Hand gelegt, daß sie das Murmeln der Wellen wieder höre.
Sie war zwar gefolgt.
Der Kern wohl ihres leidenschaftlichen Blutes war dem Glühenden hier wie immer nachgeschritten und hatte sich angesogen an das Pfeifen des Föhn und die Wiesen voll Himmelschlüsseln und den betäubenden Heranmarsch des blühenden Grases von allen Hängen und Matten.
Aber ihr Geist lächelte: das Spiel zerfiel.
Sie wollte nicht mehr zurück den Weg über die dreiundzwanzig Nächte der Qual. Er hatte sie zu weit vom Leben entführt, als daß sie um den Tausch eines zerbrochenen Körpers die große Sinnlichkeit gegeben hätte. Denn was geblieben wäre, war Aussicht auf Qualen in einem Nichts an Leben. Sie legte es zu dem andern: „Meine Mission ist getan. Was bliebe, ist zu gering für meinen Anspruch.“
Sie hatte zuviel Stolz in ihrer Milde: das gute Material, aus dem sie gebaut war, wehrte sich am falschen Platz. Platin und Stahl des schmalen Körpers hielten bis zum Zersprengen, als sie schon abschloß. Sie erwachte: „Es ist spät.“
Die Schwester, geneigt: „Du bist müd Lil.“ Sie richtete sich auf: „Man muß sich nicht gehen lassen.“ Die Augen, weit offen, sahen nichts mehr.
Die schmalen braunen Märtyrerhände lagen auf der gelben Seide der Decke. Sie lagen schön und körperlos. Die donnernde Sonne des Hochgebirgs wird sie nicht mehr verbrennen.
Dann machte sie noch eine Bewegung —: sie wandte, unzwingbar, dem Feind, der seit Jahren in ihr zerstörte, mit einer unerschreckbaren Größe, gebend, mild das Gesicht zu, daß er erbleichte. Sie war souverän. Er besiegte sie nicht. Sie gab sich hin.