Als es anfing ihn zu verwirren, daß bei allem Drang und aller Lust er in den Tatsachen der Masse fernblieb, ohne Kontakt und selbstverständliche Gemeinschaft, während das, was er von Natur leicht besaß, ihn in seinen Möglichkeiten nicht reizte, fuhr er auf der Durchreise zu dem Mann, der neun Jahre sein Vater zu sein schien.
Der kannte ihn nicht und begann erschreckt, als der Kavalier über den Horizont seines in elf Unteroffiziersjahren erreichten und umschlossenen Weltgefühls sich ihm zärtlich nahte, Hilfe bei seiner vorgesetzten Autorität zu suchen und knarrte verzweifelt die Namen und Jahreszahlen der badischen Dynastie herunter.
Entsetzt fuhr Harri durch die fabelhaften Alleen.
Zwei Jahre ging das Leben so hin, bis die Operation des Appendix ihn um ein Haar erledigte. Auch als er genas, geriet er dem Tod nicht aus seinem Bann.
An der Grenze des Lebens hatte er verlernt, die Wichtigkeit der irdischen Dinge respektvoll beizubehalten.
In einer tiefen Melancholie, die allerdings nicht auf die Oberfläche seines Wesens trat, erlebte er nur noch den spielerischen Reiz im Ungefähr dieses Existierens und blieb schon durch den Gedanken, daß er bei Unkenntnis dieser Operation vor wenigen Jahren ein verscharrter Kadaver und eigentlich nur geschenkt und leihweis dem Leben überlassen sei, lächelnd plötzlich jenseits der Probleme und Fragen der Zeit aufgestellt.
Seltsamerweise ging alles Seitherige in seinem Gedächtnis unter, er begann neu die Eindrücke zu spiegeln, ohne sie aufzunehmen.
Eine Laune des Todes, verbrannt von der einmaligen Größe seiner Nähe und nur noch imstande mit diesem furchtbarsten aller Wertmesser noch einzuschätzen, ein fast uninteressierter Beurlaubter des Sterbens, so fühlte er sich, obwohl stark und voll fiter Gesundheit, einem Dasein entgegenschreitend, das er einerseits nicht besonders einzuschätzen vermochte, das auf der anderen Seite aber mit verzehrenden Lockungen und dauerndem Wechsel ihm gegenübertrat.
Noch müd fuhr er, zu reisen, von Baden nach Folkstone, der Himmel war voll Gewölk und lichter erst über den wollweichen Wiesen von Kent. Zwischen den Riffen und Blumen und Bächen, Hornissen und Sturmschwalben gingen Wochen, die nichts gaben, nichts nahmen.
Bei Angeln, Jagd, bei auf dem Rückenliegen, im Anblick eines Hauses, des hellen New-Romney, im Anblick von Wight, der Cousine Lyne eines Freundes, die morgens viel lachte, im Anblick der Grasschur für Hockey, im Anblick von Bournemouth, von einem Korallenparksee, der Portlandinsel, im Anblick eines Strandes, der immerzu ihm entgegenzuschwimmen schien, im Anblick von Weihen und Hasen, von Uplyme Hill, Lyme Bay, von Hunden, von einem Kerzenbegräbnis, von Cast Looe, Himmel, Birken . . . . . . im Anblick von Fischschuppen, die ganz neu ihm erschienen, vom Zinnober des Abends über Kühen, im Anblick von Abteien und Ulmen, Gerrans Bay, Polperro, Gorran Haven, im Anblick des Hallstroms, wo er ins Gewirr des Meerarms strömte unter Blattwerk und rudernden schwarzen Enten, im Anblick von Cape Cornwall, St. Ives, einer Hochzeit im Dorf, im Anblick eines Autos, das in die Luft sprang und ins Meer stürzte, im Anblick einer dauernden besonnten, reichen und wundervollen Reise empfand er nur ein gewisses Interesse, das sich abendlich verdunkelte, in der Frühe immerhin nicht ohne Sympathie war.