„Gestern abend. Ja.“
Sichere Konturen bekam, was sie besah. Stetigkeit hatte ihr Ausruhn, ihr Spaziergang, ihre Liebkosung. Sie gliederte den Tag, die Leidenschaft, die Ruhe mit einer bewegenden Anmut. Die Gegenstände empfingen von ihr Würde und Haltung. Sie beherrschte einfach, was ihr entgegentrat, ohne es zu wollen und auch das, was sie nicht begriff, mit der Ungebrochenheit ihres Wesens.
Saftigeres schälte sich ihnen nun heraus aus den Museen: Holbein, Ostade, Bosch, Grünewald, Brueghel, Mäleskirchner. Da flossen Speisen überall, knackte das Leben mit Orangkiefern sich auf, ward nach Gott explodiert, und in Lehm und Spelunke, in Fisch, Frucht, Fleisch, Prasserei noch ein Haben gefordert und endlich nackte Sicherheit gelassen vor das Schicksal gestellt.
Airas einfache Einstellung wußte jedes Urteil im Traum. Doch hielt sie auch Oxygénée, was ein Purgier ist, für einen Vornamen. Unfaßbar, aber auch nicht zu umspannen, stand sie an den Fenstern, die auf Paris hinabsahen, das irgendwo in einem apfelgrünen Himmel jäh ertrank.
Sie ging hinaus, als Petrovas Karte hereinkam, elegant der Mann hinterher. „Ah?“ frug Harri. Petrova nahm einen Liqueur: „Sie sehen keine Veränderung. Entweder kein Sou oder zwanzigtausend Francs in der Tasche hielt ich stets als Prinzip.“ Harri lachte: „Sie waren nicht so bestimmt“. Petrova lächelte mit dem Mundwinkel: „Das ist der Vorteil des Besitzes. Für einen Hungerleider ziemte die unbestimmte, abenteuerlichere Haltung.“ Allein seine Sicherheit war nicht so groß wie sein Auftreten. Er deponierte bei Harri fünfzigtausend Francs.
Ihn bangte immer vor dem Schicksal und er legte Reserven, aber sein Glaube an Menschen war unbedingter wie an das Starre der Institutionen, er vermied, abergläubisch, den Tresor der Banken wie Pest.
Mit einer älteren Dame, die im Auto ihn erwartete, entschwand er über den Boulevard Port Royal aus dem Gesichtskreis.
Die Hitze fiel ein in Paris.
Auf den Boulevards kamen nachts Ratten herauf, fraßen die Absynthsäufer an. Manche ohne Ohren, mit halben Nasen wurden in die Spitäler gerollt.
Die Seine fauchte wie ein fauler Fisch schillernde Gase aus. Das Viertel der Großen Hallen stand eine geöffnete Kloake und stürzte Wolken Gestank in den Himmel. Fein, kaum merkbar fror das Arom der zärtlichen Champs Elysés zwischen den auf ihren Bänken geräuschlos Winterspeck ausschwitzenden Rentnern und der erstarrten Verzauberung der sandigen Bäume. Selbst die Militärmusik der öffentlichen Gärten klapperte nur verzweifelt mit gelben Flügeln und schleifte doch nie die Töne bis an die erfrischendere Trommelfülle der Fontänen.