Die Finnen Sirola, Gunnaris, Vehkamäki hatten keine Papiere, ich setzte durch meine sehr guten deutschen durch, daß der Bürgeroffizier uns in das Hauptquartier des General Mannerheim fuhr. Er schlief, als wir ankamen. Posten mit Gewehren waren in unserem Zimmer. Die Finnen schwiegen, es war mathematisch ausgemacht, was sie protokollieren lassen würden, falsche Namen, falsche Route, den Zweck.
In der Nacht wurde ich siebenundzwanzig Jahre, und jene Unruhe, die ich auf dem Schiff zuerst gespürt, stieg unbegreiflich. Ich war gewohnt, mir über jeden Zustand Klarheit zu verschaffen, ich versuchte auf und ab zu gehn, überlegte, schied aus, überging die Situation haarscharf. Aber meine Lage wiederum störte mich gar nicht und es war nichts aus dem Augenblick heraus Gewordenes, was mich an die Ränder eines unbekannten Bezirkes anstieß. Es kam wie von einer fernen, uneinziehbaren, schicksalhaften Beziehung, die stärker wurde und reifte, ohne daß ich auch nur einen Hauch zu fassen vermochte.
Was machte mir der Augenblick . . . Dieser General, der in Oesterbötten die Gegenrevolution gesammelt, die Bourgeoisie eingekleidet, der nach Wasa geflohenen Senatorenregierung den krummen Rücken gestählt und das Proletariat mit Hilfe deutscher Truppen aufgerieben hatte, war er nicht machtlos, ein Sklave des Kaiserreichs, mußte sich beugen vor meinem Passepartout der Stockholmer Gesandtschaft . . . Dies alles reizte mich nur, ich war gespannt, ihn zu sehen, das Lauern seiner Augenbrauen, das wölfische Nagen der Zähne, die übermenschlich lange, dürre, vorgebeugte Figur.
Ich ging darüber weg. Ich dachte an Siv und spürte ein glückliches Ziehen meines Blutes. Auch das konnte es nicht sein.
Aber es stieg in der Nacht in mir mit einer verzweifelten dunklen Flut und wogte in mir, als ob hinter dem Bewußtsein sich Kämpfe abspielten und Entscheidungen, die mein Leben angingen. Ich lauschte und horchte stundenlang, ganz still, aber ich faßte es nicht.
Gegen Morgen wurde ich ruhiger. Ein Offizier rief meinen Namen, ich folgte, schlenkernd, aber doch gespannt. Ich wartete zwei Stunden. Eine hohe Gestalt trat ein, ich spürte, eh ich mich umdrehte am Schatten, der über mich fiel, schon, daß es Mannerheim nicht war.
„Warum haben Sie kein Visum?“ Ich hob die Handflächen ein wenig, ließ sie auf den Schenkel langsam zurückfallen. Es war nicht nötig, die Frage idiotisch, ich sah mich im Kreis um. „Die Namen der Finnen.“ Ich gab die ausgemachten Schlagworte.
Er zögerte.
Dann wies er rasch auf die Zeitung Työmies: „Waren Sie nicht mit Eero Haapalainen und Kullervo Manner als Studenten befreundet?“
Ich zuckte die Achseln.