Er war nicht mehr da.
Ich fahre nach Stockholm. Über mir schläft ein weißhaariger Priester. Ich habe die Hand auf dem Brief auf meiner Brust. Am Bahnhof steht Siv. Wolken steigen wie Ballone rund und dick und porzellanen über den Mälar und das königliche Schloß. Der Gesandte fährt mit dem Finger über die Tinte des Schreibens und trommelt amüsiert über die entzückend zugezogene Falle an seinen verbündeten Kollegen auf dem großen Karo seiner Hose, das das Knie bedeckt. Er hat den wichtigsten Trumpf, Rechtfertigung seiner in Berlin geschmähten Politik in der Hand. Seine rasche Zunge hat ein gesalbtes Öl, in dem sein scharfer Vorstoß seltsam glitzert.
Wir speisen gut. Ist der schwedische Diener mit den dicken Händen und den Zwirnhandschuhen, der serviert, draußen, klopft er mir jedesmal auf den Arm, auch wenn er anders spricht. Ich sage: „Ich trinke auf Ihr Wohl, Herr Minister, ich trinke gerne auf Ihr Wohl.“ Die Gläser stoßen an. Er macht mit Finger und Sprache das Parkett in Kreuznach, wenn der Brief übergeben ist, wir lächeln. Noch vor dem Dessert präsentiert sich der beste Kurier, er fährt sofort nach Deutschland. Im selben Zug sitzt eine Frau, die hat den Brief.
Exzellenz erzählt, wie die alte King verwechselt abends, daß er von Pyjamas sprach und Bananen versteht und das die unanständigsten Folgen in der Geschichte hat, zerlegt die Nüancen wie den Apfel, springt begeistert nach Mokka und Schnäpsen zum Rauchzimmer hinauf. Er schenkt mir sein französisches Buch über innere Politik in rotem Leder.
Ich habe es dreimal.
Ich schlafe den Mittag, sitze den Abend mit Siv im Grand-Hotel. Ich sitze am gleichen Tisch, am selben heruntergelassenen Fenster wie das letztemal. Der Geierschrei der Fjordbahnen pufft wie damals durch die Luft.
Es ist eine unheimliche Ruhe in mir. Weiter weiß ich nichts. Bis zur Beängstigung ist alles klar gezeichnet, still und gut. Ich bin bereit, mich über alles zu freuen. Vielleicht gefällt mir die Gegenwart so sehr, weil ich so wenig in ihr bin.
Ich freue mich, wenn Siv kokett die Spitze ihres Schuhs unter dem Tisch meine Wade hinaufführt. Ich nehme herzlich auf, wie schön ihr herrliches pomadisiertes Haar im halben Bogen tief die Stirne ausschneidet. Ich füge ihr den Stolz an, zu erröten, indem ich frage, ob ein Mann ihr Bein bewundert, während ich weg war, irgendeiner tags oder abends. Ich weiche der Gabel aus, die sie nach meinem Handgelenk sticht. „Willst du Rolf sehen im Varieté, Naima Wifstrand, die Katze, die Hasselqvist tanzen, die Bosse schreien, Musik, Siv, ich brächte dich gern zu Musik, du mußt mir das glauben, Siv, wie gerne ginge ich mit dir zu Musik.“ Ich will ihr Gutes sagen, ich verwechsle alles, ich sage das Gegenteil ihr immer von dem, was auf sie paßt.
Ich sage ihr plötzlich und nun kann ich wieder lachen, daß es ihr gefällt, nun sage ich ihr lächelnd, daß wir vor Hofås mit äronautischen Karten gesegelt sind und alle Klippen getauft haben, eine so, diese anders, eine aber, ich sage es ganz ernst, eine wie der Bauch einer Stute, die springt, einer weißen Stute, versteht sich, eine: Siv.
Ich füge hinzu, ich kann es ruhig ihr sagen, ich füge hinzu, in den Kniekehlen habe ich gezittert nach ihr beim Baden, denn wer ist schöner wie Siv?