Das Dasein hat zwei Seiten für mich nunmehr. Von einer brennt es hell, das sind die Leidenschaften, die erheben, und die Genüsse, die man erobert. Ich erhebe mich und erobere, je weiter von Ihnen, um so voller das Ergebnis. Ich ziehe das Dasein herein aus seinem äußersten Kreis. Ich warte noch immer auf Kerstin.
Die andere Seite ist das, was sich an Ihr unaufhaltsames Schicksal bindet. Man schließt die Augen. Man soll sich nicht ausbrennen vor Schmerz. Aber, Liebe, kein Lächeln auch nur vergeht, ohne daß seine Deutung sich bezieht auf Sie, irgendwie.
Als Rassignac, der in schlechter Zeit mein Freund war, die Maschinengewehrladung der Polizisten im Bauch, in St. Sulpice lag, spie er dem Präsidenten der Republik, der das Monstrum des großen Apachen beschaute, ein Stück Lippe ins Gesicht. Dann sagte er ruhig: „Mon corps est foutu . . . . hé . . . . non pas mon orgueil.“ In der Stille seines Gesichts lag unterdrückt derselbe Claironklang, der hinter Ihrem Leben gellt.
Auch liegt dieselbe Kühnheit der Ideen an der Kurve Ihrer Nase wie bei ihm eingezeichnet, und daran weiß ich ebenso, wie an der übergroßen Lässigkeit Ihrer Hände, welch ganz anderes irrsinniges Leben Sie ausfüllt im Grunde.
Hätte der Verderber sich nicht in Ihr Blut begeben und Sie hingeführt zu der Harmonie Ihres Geistes mit jener Güte und Milde, . . . . Sie hätten auf der anderen Seite der Seele ein anderes klirrendes Dasein gelebt:
Wären unter Scipionen mit ehrgeizigem Herzen in Aulen gewandert. Hätten die pompejanische Seeschlacht geleitet am Bug. Man hätte zwischen Karlisten und Rosenroten auf der Barrikade Sie mit der rauchenden Flinte gesehen. Sie hätten Päpste mit der glatten Stirn beunruhigt. Als Kreuzzugfanatische hätte ein Pferd über Singenden Sie auf die Mauer Jeruschalaims getragen. Im Reifrock hätte das Gift Ihres Geistes Politik zerschlissen. Schwertscharf wären Sie vor Ihren Leuten unter die Elephantenbäuche gerannt, makkabäische Königin. Ihr Haß hätte geschlagen. Ihre Liebe grausam geflackert.
Am Ende erst, vielleicht, aussätzig, alternd, verlassen, einen Dolch im Rücken, wären Sie der liebenden Größe nahgekommen, mit der Sie heut überschauen, was sich heranwälzt auf dem Schicksal.
O Sie haben mit Ihrem Finger manche Nacht, Lil Pax, an den Tapetenmustern von Davos und Arosa jede Zuckung Ihres zurückgeworfenen Blutes nachgewandert mit den gepflegten Nägeln:
Sind in afrikanischem Aufstand verschleift, haben als Märtyrin, sich verschenkend, Weg geebnet, standen hinter den Getto-Feiglingen als Peitsche, gingen unter Spaniolen steil, die Stolze, hatten Hochmut, Verachtung. Ach und schwangen in der Inbrunst der Fiebernächte, Steine, Schmuck, Lächeln um den Mund, da und da und dort, in die Leidenschaften hinein bis an den bittersten Ehrgeiz.
Jeden Morgen aber waren Sie zurückgeworfen in den Körper, der, verseucht, aus allem vertrieb. Sie haben mit einer übermenschlichen Bewegung der Seele langsam gut gelächelt mit dem Partner Tod.