Er fuhr den Sommer zwischen Brüssel und Straßburg hin und her. Noch in die letzten Tage spielten die Brüsseler Prüfungen hinein. Dazwischen las er in Straßburg zwei Kollegs. Für den ersten September bereitete er seine Reise nach Amerika vor, deren unerhörte nun nahe Weite ihn berauschte. Vor diese Wege, die halb getan waren, fast vor der Vollendung standen und wieder schrankenlos lockend vor ihm lagen, schob sich der Schatten des Kriegs, von dem ich ihn lachend wegzuwenden suchte. Er sagte nicht, daß er an ihn glaube, aber eine böse Spannung hielt ihn vibrierend fest und peinigte ihn innerlich. Er freute sich auf seine noch nicht erschienenen neuübertragenen Verse des Francis Jammes, aber in sein Lächeln fiel wieder die Sorge um die noch nicht ganz vollendete graue Uniform.

Er sprach von feinen Dingen schlicht und adlig. Nichts war ihm ferner als Ästhetentum. Es kam, daß er strahlend von der Wanderbühne erzählte, die er besonders schützte: einen wilden jungen Schwarm von Kommilitonen und Studentinnen, die auf Leiterwagen das Elsaß durchbrachen und in Buntheit, Jugend und Kostümen den Bauern feste Sachen vorspielten. Wie gerne hätte er sie noch nach Gebweiler gehabt, wo sein Bruder war.

Es gab eine feine Schar wilder Jungens, die ihn mit knabenhafter Ritterlichkeit verehrten. An den Schützengräben aller Fronten, sie werden einen schweren Augenblick aufzucken vor seinem Tod.

Ich hörte noch seine letzte Rede, den Schluß des den Sommer über dauernden Vortrags über die neue Lyrik, den er von den Naturalisten her in die heutige Zeit hinüberzog. Hier zerteilte er den Strom in dreifaches Geäst: Heym, Werfel, Schickele, von denen der letzte seine besondere Liebe war. So wölbte sich über seine letzte Tätigkeit als Gelehrter das breite Fresko unseres Tages in der Kunst, die ihm teuer war und brennende Geliebte, die neben seinem Herzschlag lag und nahe war der großen Schönheit seines Gedichts.

Am ersten Tage der Mobilmachung sollte Ernst Stadler ausrücken. Ich weiß nun, daß ich dicht an der Schwelle dieses reichen Lebens Gefäß gewesen bin manchen späten Frohseins, eines nicht wiederholten Gedenkens, vielleicht letzter Sorge. Wie dies nun nachklingt . . — selten erreichen wir es, und es kostet selbst dann den tiefsten Schmerz, aber dennoch, manchmal Brüder, stehen wir nah an der Grenze der Unendlichkeit.

Wie nun mein Zimmer atemlos durchflossen ist von den langen silbrigen Kaskaden seiner Verse, den Strophen, die wie singende, strahlend geschliffene Degen hineinsausten ins Herz der Welt. In der dunklen Frühe eines der Tage, die gestaltlos hinschwankten zwischen Herbst und Winter, ist er gefallen, jener Tage, die so ganz Traurigkeit sind.

Traf eine Kugel die Brust oder seine schöne Stirn, oder hat ihn der feurige Schmerz einer Granate ganz hinweggenommen? — Ich weiß es heute nicht, und ich will es nicht wissen. Es ist genug so um die lichte Trauer und nichts soll ihr weh tun.

Denn Sterben ist keineswegs nur Hinweggehen.

Ist Bleiben und Vermächtnis.

Und wer möchte dies Bild ganz ertragen, ohne von ihm beerbt zu sein für unendliches Edele: