„Die Königin . . .“
„Was —“ Seine Stimme fuhr scharf auf.
Doch sie antwortete nur mit einer leeren Geste, auf die keine Frage gesetzt werden konnte. Kalekua war allein zurückgekommen, sie hatte die Königin nicht gefunden. Grauen hatte sich in ihr Hirn gestürzt. Die Königin war fort.
Nicht mehr strich Kalekua an sein Lager und durchduftete das Zimmer mit Liebkosung. Die Welle ihrer erregten Brüste schlug nicht mehr an seine Brust. Ihr Auge mied den Meerkreis. Kein Blick segelte auf den Horizont. Echos schlug ihre Stimme nie mehr aus dem Riff.
Jean François tröstete sie mit Streicheln und mit Worten. Doch ihre Haut zuckte nicht. Worte fielen von ihr ab. Da befahl er ihr, sich zu freuen, aber sie sagte: „Die Königin . . .“ und vertiefte das Auge zu Boden.
Sie ging ziellos durch die Gegend, fürchtete etwas Entferntes und hielt die Haare in Verwirrung. Einen ganzen Morgen lief sie an der Küste auf und ab ohne Laut. Sie wich den Wellen aus, die kamen, und bog in die zurückflutenden ein in einem erschreckenden Zickzacklauf. Manchmal hielt sie erstarrt einen Augenblick die Arme senkrecht. Jean François sah es stundenlang an, bis es ihn tief bestürzte und er hinunterlief und sie holte. An diesem Morgen begriff er, daß sie ein fremdes Gefühl in sich trug, das von seiner Seele wild hinwegwuchs. Denn sie glaubte, daß sie ihn der Königin entzogen habe, und daß diese ihr furchtbar zürne, und ihre Liebe ging scheu geworden von der seinen zurück, die übermächtig über sie hing. Er aber glaubte, daß sie Schmach trüge, weil er, ausbiegend vom graden Sinn seiner Liebe, die Lust der Königin empfand.
Er suchte dies aus ihrer Seele zu werfen und sie mit Funkelndem zu erfüllen. Er fuhr mit dem Kanoe sie tief hinein ins Meer, bis der aufglühende Abend, als sie selbst schon vom Dunkel verzehrt waren, die Bucht brandrot entflammte. Er fing kleine Schweine im Wald, damit das Tiergequietsch bis zu ihrem Gelächter vordringe. Drei Wochen fertigte er an einem Haken, mit dem er einen Haifisch fing, den Bauch vom Boot aus aufriß mit dem Messer, und aus dessen Zähnen er eine Kette machte, damit der Stolz darüber ihre zu Traurigkeit zusammengeschlossene Seele lockere. Er log zu ihr eines Abends, als ein fernes Lächeln hinter ihren Augen saß, von einem Bruder, den er nicht besaß, der mit Schiffen, wie mit Bauchflossen von Fischen gestalteten, fahre.
Als er an einem Morgen spät hinaufkam von der Bucht, lungerte um sie, die schweigend und nichtachtend saß, ein Chinese. Er erschlug das gelbe Tier, das ihr Bein mit Berührung befleckte, schabte nach der Sitte der Stämme das Fleisch von den Knochen und schenkte ihr diese, auseinandergelegt und gebleicht von der Sonne, in einem gebeizten Kasten mit gelbem Tuch.
Allein sie färbte sich die Lippen schwarz mit Beerensaft aus Trauer und fehlte zwei Nächte, den Wald stumm durchsuchend, in seinem Haus.
Die Welt war jedoch so mächtig und groß in ihm, daß er, sich heftiger an sie verstrickend, nach dem Faßbaren das Unmögliche versprach: Giraffen, Tiger und den Mond.