„Es ist ein schöner Anblick,“ sagte Villon und legte den Arm über Barrals Schulter.
„Es ist ein Schauspiel,“ sagte Barral.
Zur Zeit der großen Prozession erreichten sie nach Wochen solchen Daseins Toulouse. Sie fanden die Stadt gefüllt mit Fremden und reichen Klerikern, die heimatlichen Erwerb in leichtem Leben verströmten. Barral stahl in der vornehmsten Kirche Pelze und Steine. Sein Blick sah manche große Gabe in den Opferstock eingehen. Es prägte sich ihm ein. Er vergaß es nicht. Sie faßten abends rasch einen Plan.
Barral hieb wie ein Bär, nachdem sie die Tür erschlichen hatten, den Opferkegel in der Mitte durch. Neben Kupfer und einigem Silber überrollte vieles Gold den Boden. Sie teilten gemächlich. Als sie durch die blinde Tür des Chorgestühls hinaustraten, prallte ihnen ein leichter Ruf entgegen.
Villon sah Barrals Hand erhoben und, selbst von zehn Fäusten angepackt, vernahm und sah er beim Wenden des Kopfes eine Hellebarde, die breit Barrals Bauch durchstieß.
Dann brachte ein kurzer Gang ihn zu der Dunkelheit des Turms.
Während die dauernde Nacht ihn umschloß, blieb sein Bewußtsein nicht ohne Trübung. Nicht unterschied er Tag und Abend. Kein Schweben der Seele zog ihn aus Welt und Gegenwart. Reue fraß ihn an, und er bog den Kopf gegen die faulende Wand und sagte verzweifelt, während sein Blick ihm die Seligkeit freier Landschaften, der blühenden Bäume und des zinnobernden Herbstes vorspielte: „Warum bin ich Bandit, wo ich Dichter sein könnte . . .“ Die schmerzende Qual dieser Wochen gab ihm aber Verse von Frauen, Wiesen und Mond.
Und unter der Beglückung dieser Tätigkeit weitete sich sein Herz. Er genoß in größter Entfaltung der Seele, die das Umgebende durchdrang, Horizont, Sonne und Meer.
In den Pausen aber schrie sein elendes Herz vor Sehnsucht und Qual. Er empfand Mitleid mit seinem Geschick. Er sah den Tod als Strafe sicher vor sich. Darum betete er zu Gott, daß dieser ihm helfend ein Mittel sende. Und sei es, daß einer den Vorschlag wiederhole, den er im ersten Kerker ausschlug. Er schwor, daß er ihn diesesmal packe und tue und mit noch tieferen Demütigungen dabei. Denn die gestand er Gott als Erschwerung zu.
Dann aber weinte er lange aus Scham über diese Schwäche und hatte nichts als Verachtung für sich.