Bebend vor Zorn und in heißem Schmerz über des Hundes Tod, der seine Seele nun schwer bedrückte, eilte er nach Marseille. Im Hafen lebte er versteckt zwei Tage, bis eine Ruderbark nach Genua abfuhr. An den Mast gelehnt, das wundersame Meer umfassend und voll Angst, seekrank zu werden, verließ er aufgerichtet das heimatliche Ufer.
Den fremden Strand besprang er mit Gleichmut. Seine Erregung hatte die Bewegtheit der Wellen eingesogen. Er durchstreifte die Stadt und verließ sie. Auf und ab wandernd die Küste des Meeres, durchmaß er Italien und gab wenig Acht auf Monat und Jahr.
Er schlief auf schlechter Streu und in Betten, er ward verfolgt, und Ehre umgab ihn wie Beleidigung. Lungernd trieb er sich im Gewühl der Häfen hin und gab sich tagelang dem Meere preis an heller Küste mit entkleidetem Körper, Sonne aufnehmend und in die geweitete Seele das Meer einspannend.
In einem Winter schloß er ein Quartett zusammen, das die Schelle, den Tamburin, eine kleine Orgel und die Querpfeife führte. Die Feuer mancher Höfe und Märkte, das Geschrei vieler Nächte umfuhr die vier seltsamen Gesichter. Dann löste er sich hiervon wieder, schwankte trunken und verkommen, geldlos die Taschen, in die Städte, bettelte alte Fische und zog Ringe von Damenfingern. Mancher Morgen aber umschlug ihn, auf einem Pferde sitzend, lässig die Haltung, ein Birett über dem Kopf und eine Harfe am Sattel, deren Kopf eine Wölfin war.
Als er Genua, von Syrakus kommend, durchwanderte einmal, sah eine volle Frau aus einem Fenster, und er blieb stehen. „Dein hoher Busen reizt mich,“ sagte er. Sie betrachtete ihn und schimpfte ihn: „Provenzale!“ Doch er lachte und wies auf ihre Brust.
Er schlug einige schiefe Triller an und intonierte: „Dein hoher Busen . . .“ Die Frau wurde rot vor Zorn und schrie: „Ich verstehe dich weniger als einen Berber, Deutschen oder Sarden.“ Jedoch nahm sie seine Hand und führte ihn in ihr Haus. Im Gange dann schlug er den Arm hoch um ihre Hüfte, und da sie dies verstand, entfremdeten sie sich nicht mehr.
Gut gepflegt nach Abenteuern des Weges blieb er gern bei ihr. In den Jahren, die daraus erwuchsen, erhielt sie Gewalt über ihn. Wohl schlug er sie manchmal, wenn er trunken war oder eine andere zufällig genossene Frau ihn zu neuem Mut gespeist hatte, aber später ihr Blick duckte ihn wieder feig. Einmal prügelte sie ihn und warf ihn vor die Tür. Es war eine bittere Nacht, und der Hahn schrie vor Kälte. Morgens kroch Villon wieder in das Haus.
Er fühlte, daß sein Leben nicht mehr weit ausschlug, sondern im Kleinen hinschwankte, und trotz manchen Schmerzes befriedigte es ihn mit Wollust.
Sie besaßen einen Raum, in dem sie Wein ausschenkten. Menschen aller Gattungen schoben sich vermischt durcheinander zwischen diesen Tischen, die nie leer wurden. Hier traf er Babolin und Jaufre Rudel, die mit ihm waren, als er die Antilope holte im königlichen Garten. Doch er redete wenig davon und ließ sie ziehn. Fremde Herren, die mit den schlanken Weibern der unteren Viertel schwelgten, trafen sich in diesen Räumen. In den hinteren Zimmern, die sie später aufsuchten, entkam ihnen manches Kleid, viel Geld und Schmuck, der Villons Reichtum erhöhte.
Sein niederes fettes Leben gab ihm keine Verse mehr.