Der Herzog von Ventadron war lange tot. Niemand wußte um seine Frau.
Ihr Lächeln aber stand wie ein Mond, milder und heller werdend, über ihm. In einer Nacht hielt er sich nicht mehr, erhob sich, schlich den Weg durch den Garten zur Rückseite des Schlosses, erbrach es und durchwanderte es die ganze Nacht. Gegen Morgen quoll ein Zorn in ihm auf, daß er den Degen nahm und, vor Wut schreiend, das Zimmer zerhieb, in dem sie geschlafen haben mußte.
Dann sank er um, und als er erwachte, war nur eine große Müdigkeit in ihm und Sehnsucht nach Stille. Viele Tage blieb er im Bett seines Gasthofs, dachte, schlief und besah die Bäume im Garten, hinter denen blauer Himmel und Sternentfaltung sich vollzog. Er stand dann auf und ließ Bettler kommen und Insassen der Kneipen und schenkte ihnen seine Kleider. Sein Gold nähte er in den Mantel. Nur das Metall behielt er des Goldenen Vlieses unter grauer Wandrerkleidung auf der Brust. Er vergaß seine Schuld zu zahlen, müden Auges, fast ruhig im Innern, zog er wieder in die Welt.
Nach wenigen Tagen kam er an ein Kloster, das in fruchtbarer Ebene lag. Soweit, daß die Sonne die Kuppeln morgens mit Glanz enthüllte, schwebte der weiße Bau eines anderen Klosters gegenüber vor dem Horizont. Die Luft war klar und mild, es roch nach Blumen und Stille.
Da hielt Villon den wandernden Fuß an und beschloß sein Leben hier dem Ende zuzuführen. Dicht am Kloster war ein Konvent für Menschen der Welt, die, der Einsamkeit anheimgegeben, Gott suchten, die Gebräuche der Mönche teilend, ohne Klerks zu sein. Ihnen, die aus großer Welt kamen, schloß sich Villon an, denn der Geruch der Mönche und Tonsuren stach ihn fuchsend in die Nase und das Die-Ruhe-Wollende seiner Seele überstieg noch nicht seinen Instinkt.
Er half dem Pförtner, den die Gicht angeschwellt hatte und der, mit vernichteten Gelenken, nur die Augen bewegte und vier Finger der linken Hand.
Seine Liebe war jedoch der Garten. Wenn er morgens erwachte, sah er über die Beete und die Ebene hinüber zum anderen Kloster, das sich aus dem Nebel schälte. Dann erhob er sich und begoß im Schatten, eh die Sonne Brand herunterwarf. Mit Messer und Schere zähmte er den schmalen Weinberg, umgrub die Wurzeln und schleppte schweißiger Stirne schwere Wasserkannen den Hügel hinan. Ihm unterstand die Hühnerzucht, und er mästete die Tiere, Körner vor sie streuend, und sandte manches fette Huhn als Geschenk ins andere Kloster. Oft half er den Käse bereiten. Manchmal fing er Fischottern und briet sie, und eines Morgens stand ein zarter Amarellenbaum im Garten, von dem niemand wußte, woher er kam.
In den freien Stunden des Mittags ging er ruhig durch den Hof und mit langen gemessenen Schritten hin zwischen den Beeten. Er sah Eidechsen die braunen Köpfe auf den weißglühenden Steinen sonnen, und hin und wieder saß eine Kröte unter dem Holunder.
Letzte Stille schien über sein Leben gekommen.
Da schlugen Zigeuner ein Lager auf, nahe dem Konvent. In der Nacht sahen die Kleriker Villon berauscht in zuckenden Sprüngen im Feuerschein. Später durchtobte er das Haus, zerschlug die Scheiben und füllte die Kirche mit satanischen Rufen. Altardecken beschmutzte er, als er die Weinfülle wieder ausspie.