Der Mensch mit dem Christuskopf war der Bruder von Onkel Johns Frau, achtunddreißig Jahre alt und schwachsinnig. Sein verstorbener Vater war Superintendent gewesen, und darum bildete er, Johannes, sich ein, zum mindesten Pfarrer zu sein. Die Verwandten unterstützten seine Torheit, indem sie ihn »Pfarrer« nannten. Sie sagten Pfarrer, anstatt Johannes, sie gebrauchten den Titel wie einen Vornamen. Johannes hatte noch einen Bruder, der weit schwachsinniger war als er selbst. Die beiden Brüder lebten ganz allein mit einer mürrischen Haushälterin in dem alten rosa Häuschen, das ihr Eigentum war. Und sie lebten dort in ziemlicher Dürftigkeit, trotz guter Vermögensverhältnisse; denn Onkel John verwaltete ihre Zinsen, und zwar mehr zu Nutz und Frommen seines Geflügelhofes, als zu dem seiner einfältigen Schwager.

»Friede sei mit dir!« sagte Johannes würdevoll, als er John die Hand reichte.

»Und der Stock regiere dich!« witzelte dieser wie gewöhnlich, trotz der abwehrenden Geste des frommen Idioten.

»Hast nich ein Stummelchen? Hast nich, hast nich?« fragte Johannes, sich fröstelnd die hageren Hände reibend. Er trug wie John eine dunkle Sportmütze, die sich auf seinem lockigen Christuskopf seltsam genug ausnahm. Um den Hals hatte er ein schwarzes Halstuch geschlungen. Sein blauer Anzug war fleckig und abgetragen, die Jacke zu weit, die Hose zu kurz; denn beides hatte einst Onkel John gehört, der stärker und kleiner war.

»Kein Stummelchen?« sagte Johannes, traurig den Kopf senkend, als John die Frage verneinte. Und wie er so die Mütze abnahm, um sie mit ergebungsvoller Miene ein wenig abzustäuben, da glich er ganz Christus, und John, der ebenfalls die Mütze abgenommen hatte und voll Mitleid von seinem Platz auf ihn herabsah, konnte wohl Pontius Pilatus vorstellen: Christus vor Pontius Pilatus.

»Stummelchen habe ich keine,« wiederholte der Trinker, »aber eine Zigarre habe ich heute für dich.«

Johannes rauchte für sein Leben gern. Er ließ einen Zigarrenstummel nicht früher aus dem Munde, als bis er ihm Bart und Lippen versengte. Man machte ihm jedesmal eine große Freude, wenn man ihm eine ganze Zigarre schenkte; denn für gewöhnlich mußte er sich mit den Stummeln begnügen, die Johns Vater (der einzige Raucher unter den Zarnoskys) für ihn aufhob. Er selbst konnte sich keine Zigarren kaufen, da er kein Taschengeld bekam. Sein und seines Bruders Taschengeld verwaltete die Haushälterin, und zwar mehr zu Nutz und Frommen ihres Sparkassenbuches, als zu dem ihrer schwachsinnigen Pflegebefohlenen. Zuweilen schenkte ihnen die Schwester Zigarren und Delikatessen; aber nur Johannes rauchte, und die Delikatessen aß die Haushälterin auf.

Johannes begann vor Wonne zu stammeln, als John ihm eine schöne lange Zigarre unter die Nase hielt. »Riech mal,« sagte der Trinker. Dann lehnte er sich zurück: »Und nun fang sie auf.«

Der Schwachsinnige hob die Hände, die Zigarre erwartend. Aber John narrte ihn immer wieder, indem er nur so tat, als ob er werfen wolle. Schließlich forderte er den Idioten auf, Gott zu lästern, oder er bekäme sie nicht. John hatte nämlich herausbekommen, daß man Johannes wohl zu diesem und jenem verleiten konnte, aber nicht dazu, Gott zu lästern. »Ein Pfarrer darf das nicht,« entgegnete er dann stets.

Das entgegnete er auch diesmal; doch John ließ es nicht gelten. Er zog eine Schachtel Streichhölzer aus der Tasche und drohte, die Zigarre selbst zu rauchen, wenn Pfarrer es nicht gleich täte. »Liebes gutes Johnche,« flehte der Unglückliche, »gib, gib! Darf ich nich. Darf ich nich.«