Seine Hand erhob sich noch einmal; aber nicht mehr beschwörend: resignierend. Er seufzte.

»Die Macht des Todes kann niemand bezweifeln,« sagte er darauf laut. »Wenn Gott existiert, dann ist er ein Krüppel, denn er kann nicht sprechen; dann ist er unglücklich, denn er kann nicht helfen ... Der Tod – das ist ein andrer Kerl!«

Und ihm war, als sähe er den Tod auf sich zukommen, aus dem Dunkel einer Abendwolke, ähnlich einem Mann mit einem Lasso, der bereit ist, die Schlinge zu werfen. John schloß angstvoll die Augen und duckte sich auf dem Sofa zusammen. Es war aber nicht der Tod, der über ihn kam, der Schlaf übermannte ihn plötzlich.

Und ihm träumte: er stände lauschend auf einem weiten, dunkeln Feld, auf dem es nichts gab, was ihm zur Deckung dienen konnte – wenn der Tod kam. Denn der sollte kommen, der würde kommen, das fühlte John mit einer Angst, die ihm Tigerstärke gab. Eine unwiderstehliche Gewalt hatte ihn in das Feld des Todes getrieben, und nun stand er und wartete auf ihn mit angestrengtem Gehör und schreckensweiten Augen. In der Ferne erklang eine schauerliche Musik – die Musik seiner Nächte –, die ihm das Herz mit Angst und Grauen zu zerreißen drohte. Und plötzlich begann die Erde zu dröhnen von einem riesigen Gespann, das windgeschwinde herangebraust kam. Der Wagen war aus Erz, und aus Erz waren die hohen Räder und aus Erz die Füße der dunkeln Pferde. Und auf dem Wagen stand der Tod mit einer eisernen Sichel in der Hand, eine Flöte am Munde. Und die Räder und die Füße der Pferde waren rot vom Blut der Zerstampften und Überfahrnen, und die Sichel war rot vom Blut der Gemähten.

John sprang mit einem lauten Angstschrei auf den Rücken der Pferde und sah dem Tod ins Gesicht, nach einem Schimpfwort suchend, das all sein Entsetzen und seinen Abscheu zusammenfaßte. Der Knochenmann grinste und hob elegant die Sichel. Wie ein Balletmeister, dachte John, ihm in den Arm fallend und mit ihm ringend.

Wo der Tod hingriff, brannte es los wie Feuer, und brachen die Knochen wie dürre Halme. Ein Flammen und Splittern! John raffte seine letzte Kraft zusammen und brach seinem Gegner den Arm mit der Sichel ab. Dabei erwachte er.

»Ich verbrenne! Wasser! Wasser!« stöhnte er, nach Luft ringend. Peter meckerte kläglich.

Dore stand schon mit Selterwasser da und gab ihm zu trinken. John zeigte ihr stumm, was er in der Hand hielt. »Sein Arm,« flüsterte er, noch immer nach Luft ringend. »Ich hab ihn besiegt. Er wird so bald nicht wiederkommen.«

»Das is doch ein Stick Horn vom Ziegenbock,« murmelte die Wärterin mit schadenfrohem Lächeln. Aber John begriff nicht, was sie sagte.

Achtes Kapitel