Frau Kalnis setzte die Brille auf ihr schlaues, gelbes Chinesinnengesicht und öffnete mit zitternden Händen den großen, blauen Brief, den ihr der Briefträger soeben gebracht hatte. Die Buchstaben verneigten sich vor ihren Augen, tanzten spöttisch hin und her und wollten sich durchaus nicht fangen lassen. Es währte geraume Zeit, bis sie des Inhalts habhaft wurde.
»Herrjeses!« schrie sie da. »Hat ein Mensch schon mal sowas erläbt?! Neineinei! Ich zieh! Ich zieh!« Wie von der Tarantel gestochen, stürzte sie mit dem Brief in Johns Zimmer, um ihn zur Rede zu stellen. John lag mit gefalteten Händen auf dem Sofa.
»Herrr!« brach sie los, mit »Rs« wie Trommelwirbel. »Wer kann mir das einjebrockt haben als Sie?! Wer kann mir das sonst schreiben als Ihr verdrähter Onkel?! Ich kenn seine Handschrift. Da schreibt er: Man beobachtet mich. Und ich soll meine langen Finger doch im Zaum halten, sonst krieg ich's mit der Polizei zu tun ... Gott, das muß ich mir, mir sagen lassen! Für nuscht, für rein gar nuscht! Ich zieh! Ich bleib nich unter solche Menschen! Ich ...« Hier verlor sich ihre Rede in einem heftigen Hustenausbruch.
John versuchte eine scheinheilige Miene zu machen, aber er war viel zu kindisch, um über Dores Zorn nicht lachen zu müssen. Bald kicherte er wie ein dummer Junge.
»Sie Hottentott!« stöhnte Dore. »Ich laß Sie im Stich! Ich werf Ihnen hin! Wer bleibt bei einem Menschen wie Sie?! Was möjen Se doch bloß wieder aufjebracht haben?!«
»Zügle dich,« sagte John vornehm und mit einem sehr spitzen »Ü«.
»Ziejiln Sie sich man lieber!« brauste Dore auf.
»Übrigens,« sagte John, das Sofakissen betrachtend, »möchte ich wissen, weshalb ich Ihnen das gerade eingebrockt haben soll?«
»Kein andrer,« knurrte sie.
»Verklagen Sie doch Onkel John, wenn Sie meinen, daß er den Brief geschrieben hat.«