»Aber der Onkel Chlodwig schwärmt Ihnen an! Sie können mir's glauben, Amalie! Wahrhaftig Gott!«

Die Köchin verzog ihren dicken Mund zu einem breiten, halbverschämten, schweigenden Grinsen. Ihre steifen Wangenhügel, die so ruppig waren wie ein Hahnenkamm, glühten um die Wette mit ihrer Nase, die einer feurigen Kräuterbirne nicht unähnlich sah. Amalie war eine Freundin von Bier und Schnäpsen, und gegen Abend konnte man ihr diese Freundschaft nur zu sehr vom Gesicht ablesen. »Sie knirbelt kräftig,« pflegte John zu sagen.

»Na, wie ist's?« fragte er, durch ihr Schweigen gereizt. »Wollen Se meine Tante werden oder nich?«

»Uzen Se mir auch noch?«

»Ich denk' gar nicht dran! Onkel Chlodwig geht schon lange mit der Absicht um, Ihnen zur linken Hand zu heiraten.«

Amalies dicker Mund weitete sich noch einmal, und dann verschwand sie mit einer großen, ganz neuen Hoffnung im Herzen.

Das Abendbrot wollte John nicht schmecken; ihm war noch schlechter als gewöhnlich. Die eine Flasche Bier, die vor ihm stand, reizte ihn so lange mit ihrer Kümmerlichkeit, bis er sie wütend vom Tisch stieß. John fühlte sich plötzlich so furchtbar unglücklich, daß er sich am liebsten das Leben genommen hätte. Sein ganzes Wesen verzehrte sich in Sehnsucht nach Alkohol: nach jener halben Flasche Kognak. Er konnte sich nicht länger beherrschen und er wollte es auch nicht. Nicht länger zögernd, eilte er zu Dores Schrank, in dem seine Flaschen standen. Er bearbeitete die verschlossene Tür mit Fußtritten, um zu seinem Eigentum zu gelangen; aber das alte Möbel war aus gutem Holz, es widerstand allen Stößen. Auch das Schloß widerstand, als er es mit dem Taschenmesser aufzubrechen versuchte. Nun zerfetzte er vor Wut Dores Fächerpalme, ihr Stuhlkissen, ihre Nachtmütze. Aber als ihm das grüne Staubtuch in die Hände fiel, aus dem er einst für Mimi ein Nestchen gemacht hatte, da ließ er den Kopf hängen und weinte.

Er weinte über sein verfehltes Leben, das ihm ebenso zerfetzt schien wie die Fächerpalme. Wie anders hätte er jetzt dastehen können! Er bereute, er bereute ... Zu spät! Nun war nichts mehr zu ändern.

Ach, er fühlte sich so unsagbar verlassen, so kalt dem Tode preisgegeben. Rodenberg war sein einziger wahrer Freund. Durfte er sich überhaupt noch zu den Lebenden rechnen? Er fühlte sich schon so fern von allem, was lebte und lachte und genoß. Der Tod war seine einzige Aussicht.

Nur jene halbe Flasche Kognak wollte er noch leeren.