Der Glanz der Abendsonne war ihm aufs tiefste zuwider. Er stach ihm so mitleidslos in die Augen. John stieß eine Verwünschung aus und drohte mit der Faust nach der Sonne. Er trocknete sich mit dem Staubtuch die Augen und beroch es dann von allen Seiten wie ein armer, hungriger Hund.
Es roch nicht nach Mimi, es roch nach Petroleum. Trotzdem stopfte er es in die Tasche, um es öfters ansehen zu können. Mimi war doch eine hübsche Erinnerung, trotz ihres schrecklichen Todes.
Und nun ging er sich den Kognak holen; er hielt es nicht mehr aus ohne Alkohol, er hielt es einfach nicht mehr aus. Seine Mütze war nicht zu finden. Er setzte den kleinen, steifen Hut auf, den er auf jenem Ausflug mit Johannes getragen.
Die Hand auf die linke Seite gepreßt, arbeitete er sich langsam und atemlos die Treppe herunter. In seinen Ohren war ein dumpfes Sausen, und sein Herz schien sehr weit und ganz still. Die Treppe war immer ein Kunststück für ihn. Bis zu seiner Haustür hatte er die feste Absicht, in die elterliche Wohnung zu gehen, um sich den Kognak zu holen; aber an der Tür besann er sich anders. Er wollte doch lieber in die Kneipe gehen und sich dort etwas geben lassen, als etwa im Eßzimmer Paul und Leo antreffen, die ihn vielleicht daran hindern würden, die Flasche zu nehmen. Und sicherlich würden sie ihre Bemerkungen machen, ihn verspotten. Nein, nein, er ging lieber in die Kneipe.
Sein Herz arbeitete jetzt wie wild nach der Treppe, es zitterte und sprang in seiner Brust, daß ihm vor Angst der Schweiß ausbrach. Öfters stehen bleibend, um Atem zu schöpfen, begab er sich über den Hof nach der kleinen Kontortür im Torweg und öffnete sie. »Vater!« rief er herein, »gib mir doch etwas Geld, ich will zum Barbier gehen.«
»Jetzt abends noch?« brummte Herr Zarnosky.
»Komm herein, Kronensohn!« rief Onkel John, der dasaß und Märchen erzählte. »Wir wollen mal sehen, was dein Bart für eine Farbe hat.«
John trat ein und wiederholte seine Bitte. Herr Zarnosky knurrte, daß der Gang zum Barbier eine Finte sei. Er kenne das. Johns Barbier hieße Suttkus. Der Märchenerzähler hatte schon das Portemonnaie in der Hand; aber dann steckte er es rasch wieder ein. Es war ihm noch rechtzeitig eingefallen, daß sein lieblicher Neffe in einer Kneipe erzählt haben sollte, daß er, der Onkel, ein Reitpferd eingefangen und dann geschworen habe, daß es seins sei. Und es war doch nur ein weggelaufener Ziegenbock gewesen, dem er um Zerlines willen freundliche Aufnahme gewährt hatte, weil er doch nicht wissen konnte, wem er gehörte. Tiere sind sich ähnlich, hatte Onkel John gedacht, und es war seiner Phantasie bald gelungen, aus dem Bekannten einen Fremdling zu machen. Ganz im tiefsten hatte er auch noch gedacht: Er schenkt ihn mir ja sowieso, ehe er stirbt.
»Der Vater hat hier zu entscheiden,« bemerkte er würdevoll, nachdem er das Portemonnaie wieder eingesteckt hatte. Und dann mit selbstgefälliger Anzüglichkeit: »Man muß sich auch hüten, seine Wohltaten an Leute zu verschwenden, die es einem mit Undank lohnen.« Darauf mußte er lachen, weil er diesem seiner Neffen nun einmal nicht böse sein konnte.
»Junge, halt' die Ohren stramm!« rief Onkel Chlodwig vergnügt, indem er eine Bewegung mit den Armen machte, als wolle er John, wie einst als Kind, an den Ohren in die Höhe heben.