»Warte!« knirschte er, sobald er sich von seinem Schreck erholt hatte. »Du wirst dich an mir vergreifen? An deinem Vater?« Und nun begann er John erst recht zu züchtigen.
Doch die meisten Schläge bekam Rodenberg, der sich mit ausgebreiteten Armen über seinen Liebling legte, und der nicht von ihm wich, so wütend es ihm auch befohlen wurde. Zu sagen wagte er nichts, ja, er wagte nicht einmal zu stöhnen. Die Zähne zusammenbeißend hielt er tapfer stand, bis sein Herr mit Schlagen aufhörte.
Als Herr Zarnosky ohne ein Wort gegangen war, richtete sich der Kutscher auf und sah Dore an, und dieser Blick war die einzige Kritik, die er sich über seinen Herrn erlaubte.
Dore probierte, ob sie noch sprechen konnte. »Gott! – nei! – pfui ...« Das war anfänglich alles, was sie herausbekam. Sie schüttelte den Kopf und schlug stumm mit der Hand, und dann sagte sie: Das sei von jeher die Zarnoskysche Erziehungsmethode gewesen.
John lag ganz still da, und seine langen Wimpern drückten sich so tief in die Wangen, als ob sie sich nie mehr heben wollten. Doch mit der Zeit begann er aufgeregt zu flüstern, Schreie auszustoßen und mit den Armen zu fuchteln. Frau Zarnosky kam heraufgestürzt und setzte sich weinend an sein Bett. Sie nannte ihn bei seinem Kindheitsnamen, sie glättete sein Kissen, sie streichelte ihn. Wohl eine Stunde saß sie an seinem Bett und weinte; aber ihr Weinen, dieses monotone Weinen, vermehrte nur seine Unruhe. »Nicht, nicht,« flüsterte er von Zeit zu Zeit. Doch Frau Zarnosky ließ sich nicht stören; sie war es nicht gewohnt, ihren Gefühlen Zwang anzutun, und sie wäre empört gewesen, wenn ihr jemand diese Tränen zum Vorwurf gemacht hätte.
John schlief ein und ging im Traum unzählige Male in den Laden und wurde dort unzählige Male von Schutzleuten umringt, weil er jedesmal eine Flasche mitgenommen haben sollte. Doch es gelang ihm immer noch zu entkommen. Und einmal stellte es sich heraus, daß er die Flasche bereits bezahlt hatte. Die Schutzleute verneigten sich vor ihm, und er schritt stolz wie ein Triumphator davon –: um an der Tür auf den Tischler zu prallen, der ihm, »Dieb!« brüllend, eine ungeheure Flasche aus der Tasche zog. Die Schutzleute packten ihn, soviel Rodenberg auch für ihn bat; aber er riß sich los und stürzte sich, von seinem Vater verfolgt, in ein großes, schwarzes Wasser. Das schlug dumpf über ihm zusammen, sein Herz setzte aus, und dann sank er ohne Ende in die Tiefe.
Zehntes Kapitel
Der Zarnoskysche Landauer rollte lautlos die gerade, sonnige Chaussee entlang, die nach einem Gasthaus im Walde führte. Die neuen Rappen waren angespannt, und Rodenberg ließ sie mit stolzer Miene dahinbrausen. Sein langer, roter Bart glänzte in der Sonne wie ein Feuerchen auf seinem engen, schwarzen Mantel. John saß neben Dore auf dem Rücksitz des Wagens gegenüber seinen Eltern, zwischen denen sein Bruder Paul einen bescheidenen Platz einnahm. Diese Ausfahrt nach dem Walde war Johns sehnlichster Wunsch gewesen, und sein Vater erfüllte ihm seit einer Woche jeden Wunsch, weil es ihn noch immer reute, daß er sich dem Kranken gegenüber im Zorn vergessen hatte. Zudem war John auch sein Liebling, trotz allem und allem.
Nun blickte er stumm und schläfrig, den Strohhut ins Gesicht gezogen, auf die grünen Felder, die wie stille Seen zu beiden Seiten der Chaussee lagen. Frau Kalnis interessierte sich für die Häuschen hier und dort, Paul für die Windmühlen. Herr und Frau Zarnosky interessierten sich für ihre Mittagsruh, indem sie die Augen geschlossen hielten und schwiegen. Halbnackte Landkinder warfen Kornblumensträuße in den Wagen und liefen dann mit offnen Mäulern und ausgestreckten Händen nebenher, auf die Bezahlung erpicht. Es machte John Spaß, sie recht lange darauf warten zu lassen. »Wie heißt ihr? Wie alt seid ihr?« fragte er zunächst. Erst als seine Fragen beantwortet waren, ließ er langsam Pfennige regnen.
Ein freundliches Dörfchen mit vielen Storchnestern auf den Dächern und vielen bunten Blumen in den Gärten glitt rasch vorüber. Dahinter kreuzte die Chaussee eine Bahnstrecke. Dann kamen wieder Wiesen und Felder und Roßgärten mit weidendem Vieh. Und schließlich kam der Wald, der alte Tannenwald, nach dem sich John so sehr gesehnt hatte. »Ah!« machte er lächelnd, als der Wagen aus der grellen Helle in den Schatten der Bäume rollte.