Frau Kalnis saß friedlich auf ihrem Platz, John noch immer in der Tannenlaube wähnend.

»Er sitzt bei den Kutschern!« herrschte Herr Zarnosky sie an.

Die Augen aufreißend, schlug sie die Hände zusammen. »Bei die Kuhtschers?« wiederholte sie erbleichend.

Der Kellner kam und fragte, ob etwas gefällig sei. Frau Zarnosky hatte einen Einfall. »Es gibt ja Krebse,« sagte sie rasch. Und leise zu ihrem Mann: »Bestell welche! Dann wird er bald hier sein.«

John hatte seine Eltern nicht so rasch zurück erwartet, sonst wäre er beizeiten auf seinem Platz gewesen. Und nun wagte er sich nicht in die Tannenlaube, aus Angst vor dem Vater. Als Frau Kalnis ihn in den Garten bitten kam, wurde er aus Angst frech: er käme nicht, er amüsiere sich hier besser. Als sie für Rodenberg zwei Krebse brachte, die John leckrig machen sollten, riß er den Teller an sich und zeigte den wiehernden Kutschern, unter unfeinen Redensarten, wie man Krebse äße. Die Kraft dazu holte er sich fleißig aus Rodenbergs Seidel, das Braunbier mit Rum enthielt. Der alte Kutscher redete ihm zu, mit Frau Kalnis zu gehen; aber John rührte sich nicht. Hier sei es gemütlich. Hier ärgere ihn niemand. Er sei hier unter ehrlichen Menschen.

Der Kutschertisch stand dem Gasthaus gegenüber, jenseits der sandigen Landstraße neben einer alten Eiche. An ihrem bemoosten Stamm hing eine hölzerne Tafel mit Worten, die schon lange nicht mehr zu lesen waren; aber man wußte, daß sie den Heldenmut eines im Kriege gefallenen Brüderpaares priesen. Frau Kalnis ließ ihren schwarzen Rock wieder im Sande schleppen, als sie den Kutschertisch verließ, aus Furcht, John könne ihr etwas Häßliches nachrufen, wenn sie ihn aufzuheben wagte. Ihre Backen glühten, und der Veilchenhut saß schief aus ihrem dünnbehaarten Kopf.

Sobald John mit den Krebsen fertig war, griff er wieder nach den Karten. Rodenberg stand auf und machte sich an den Pferden zu schaffen, in der Hoffnung, daß John dann gehen werde. Vergebens. Herr Zarnosky junior bot den fremden Kutschern jetzt Brüderschaft an, und wenn er eine Karte ausspielte, so knallte er sie wie die andern mit der Faust auf den Tisch. Die Kutscher hatten die Röcke ausgezogen und saßen in Hemdsärmeln da. Der Kopf des einen war wie eingeschroben in einen mächtigen, feuerroten Fleischwulst, der rings um seinen Hals lief. John mußte immer wieder auf diese rote, faltenschlagende Masse starren. Schließlich bat er den Kutscher um die Erlaubnis, sie betasten zu dürfen. Der Mann hatte nichts dagegen und ließ es gutmütig geschehen. In den Zweigen der Eiche hub ein Vögelchen zu zwitschern an: »Züzüzüzüühe« ... Die Kutscher achteten nicht darauf; aber John legte den Kopf auf die Seite, machte ein liebliches Gesicht und erwiderte: »Zekü, zekü, zekü« ... Und die Poesie des einsamen Platzes an der Waldstraße überwältigte ihn plötzlich so, daß er erblaßte.

Frau Kalnis kam abermals durch den Sand gestiefelt, um Rodenberg zu bestellen, daß er sofort an der Seitentür vorzufahren habe. John erhob sich wie im Traum. »Schon? Schon nach Hause?« stammelte er erschreckt.

Als die Familie aus dem Garten trat, sah sie ihn wie einen armen Sünder, der sich nicht zu nähern wagt, mit hängendem Kopf am Zaune stehen. Die Mutter war sofort gerührt. Sie eilte zu ihm hin und führte ihn unter sanften Vorwürfen zum Wagen. Der Vater blickte ihn flüchtig an: »Wir sprechen uns später,« sagte er hart und kurz.

Der Wind schien eingeschlafen zu sein, und der Himmel war klar geworden. Er hing gleich einer riesengroßen, blauen Glasglocke überm Walde. Die Bäume standen hoch und still, und das taktmäßige Trappeln der Rappen zog wie Musik durch den schweigenden Forst. John atmete laut und hastig. Sein Kopf sank beim Fahren bald nach rechts, bald nach links. Der Vater erhob sich und wies ihm kurz seinen Platz an, weil er sich dort besser anlehnen konnte. Diese Fürsorge rührte den armen Sünder bis zu Tränen. Sich schneuzend begann er nachzudenken, wodurch er sich der erwiesenen Güte würdig zeigen konnte. Er sah mit abbittender Miene vom Vater zur Mutter, und das Denken fiel ihm furchtbar sauer, weil Rodenbergs Mischung bei ihm zu wirken begann. Plötzlich griff er mit aufleuchtenden Augen in die Tasche und zog zwei sandige, bleierne Teelöffel heraus, die er mit triumphierender Miene im Kreise herumzeigte. »Für Frau Rodenberg,« sagte er mit Augen, die um Beifall baten.