»Na, was sagen Sie dazu?«

»Is gut. An dem war nichts dran. Die Frau wird froh sein.«

»Er ist ins Wasser gefallen, weil ich es wünschte,« prahlte der Trinker.

»Stuß!« murmelte Dore.

»Hier hab' ich in der Nacht gesessen und zugesehen, wie er nach dem Wasser torkelte. Und da hab' ich gewünscht, was ich konnte, er möchte reinfliegen – und da is'r reingeflogen.«

»Pfui! Dann sind Se ja e Mörder!« krähte Dore.

»Stuß!« echote John.

Nun hatte er wieder Kraft und Unternehmungsgeist, die Schläfrigkeit war gewichen. Die Neuigkeit von heute morgen hatte ihn sensationslüstern gemacht, neugierig spähte er durch die Gardine die Grätengasse herunter nach dem kleinen, braunen Häuschen, das dem Tischler gehörte. Und je länger er nach dem Häuschen blickte, desto mehr verlangte es ihn, hinzugehen und die Leiche zu sehen. Er liebte es, Leichen zu betrachten, er konnte sich nicht satt sehen an ihren stillen Gesichtern; das Geheimnisvolle in der Ruhe des Totenantlitzes zog ihn immer aufs neue an. Er gab seiner Mutter nur kurze Antworten, als sie sich liebevoll nach seinem Befinden erkundigte; er wollte fort und sobald wie möglich. Kaum hatte man ihn nach dem Frühstück allein gelassen, so stand er auf und verließ den Saal, um seiner Sehnsucht zu folgen.

Auf der Grätengasse lag das Sonnenlicht so schwer wie ein Alp. Die Straße war wenig belebt, und die meisten Fenster waren verhängt, was den Häusern ein blindes, totes, abweisendes Aussehen gab. Auf einem Hof spielte eine verstimmte Leier eine unschöne Melodie. Die Töne zogen rauh und schrill durch die stille, trockne Luft. Von Zeit zu Zeit sprang die Melodie wie toll vor Hitze in die Höhe, um dann jedesmal mit einem häßlichen Schnarren zu enden. John biß die Zähne zusammen, denn er konnte keine Musik hören, ohne nicht weinen zu müssen. Es fror ihn bald vor Unbehagen, trotz der Hitze, und die Musik erpreßte ihm Schweißtropfen. Er hatte schon Lust umzukehren; aber das kleine braune Haus lockte ihn unwiderstehlich.

Auch dort waren alle Fenster verhängt, so daß von außen nichts zu erspähen war. Scheu wie ein Dieb trat John in den Flur und sah durch das kleine Fenster in der Stubentür. Es war von innen mit einem roten Gardinchen verhüllt, durch dessen gehäkelte Spitze man bequem hindurchblicken konnte. John sah die Frau des Tischlers still und vergrämt an einem Tisch sitzen und nähen. Auf dem Fußboden kauerte ihre schwachsinnige kleine Tochter und spielte, unaufhörlich die Lippen bewegend und die Zähne fletschend, mit einer zerrissenen Puppe. Das Bild war unschön und traurig – und von einer Leiche war nichts zu sehen. Entweder befand sie sich in der Hinterstube, oder sie war auch gar nicht im Hause. John wandte sich hastig ab und verließ rasch den Flur.