Er hatte das vorausgesehen und sich bereits auf dem Heimgang von seiner Schwiegermutter eine durchaus glaubhafte Erklärung zurechtgelegt.

„Es war ein Onkel von Thule,“ summte er Desdemonas zitterndes Lied vom König. „Und dieser alte Herr mit Druckknöpfen von Eisen und Feuer an der gewichtigen Geldkatze besaß einen Neffen. Einen Nichtnutz natürlich, der totsicher vor die Hunde gehen würde. Dieser Schlingel bildete sich felsenfest ein, eine Stimme zu haben, die anders wäre, wie die des Onkels von Thule. Frechheit, nicht wahr? – Er glaubte weiter, daß die Dummen in absehbarer Zeit mal ihr Geld ausgeben würden, um sie hören zu dürfen. Man bedenke – der Onkel aus Thule war in seinem Leben niemals in eine Oper gegangen. Und besagter Neffe hätte in seinem Tabak- und Kaffeeexportgeschäft wundervoll unterkommen können. – In Hamburg. Er bot es ihm sogar schriftlich an. Der Bengel antwortete überhaupt nicht darauf, trotzdem eine Freimarke beilag. Er pumpte ihn aber auch nicht an. Lieber ganz Fremde, die sich wirklich überraschend leicht finden ließen. – Und der Onkel von Thule kam – zwar nicht zum Sterben, wohl aber nach Oeynhausen, denn er war immer ein kleiner Schlemmer gewesen und nun lag sein Herz im Fett. Und er gab auch nicht seiner geehrten Buhle den bekannten güldenen Becher, sondern seinem Nichtsnutz von Neffen einen Wink, damit er sich mal zu ihm ins Hotel begeben möchte. – Daß er ihn zuvor ein paar mal aus sträflicher Langeweile, von einem leidenden, zufällig hochmusikalischen Geschäftsfreund verführt, in allen damals gegebenen Opern gehört hatte, nur nebenbei. Jeder, der einen stumpfsinnigen Badeaufenthalt von mehreren Wochen durchgemacht hat, wird ihm diese Entgleisung vergeben. – Also – der Bengel erschien und nun machte sich das weitere ganz von selbst. – Wir sind nach Berlin übergesiedelt, denn die Exportgeschichte in Hamburg hatte genug für uns abgeworfen und – na ja – da wären wir nun.“

Keinen Augenblick zweifelte sie an der Richtigkeit seiner Erzählung.

„Wie schön ist es, daß sich Ihr Talent voll entfalten kann,“ sagte sie und kämpfte gegen allen Neid.

„Das hätte es auch ohne den Onkel fertig gebracht. Wie können Sie das von einem – nun nennen wir es getrost Zufall, abhängig machen! Schwerer wäre es freilich gewesen und länger würde es mit dem Aufstieg vielleicht gedauert haben. Auf die Spitze wäre ich doch gekommen.“

„Das ist Manneskraft.“ Es klang wie eine Klage.

„Nein, das ist die gesunde Erkenntnis des eigenen Könnens,“ widersprach er, „die sollte Jedes haben, das sich seine Begabung nicht lediglich einbildet. Sie also auch, Fräulein von Ostried.“

„Ich habe es mir anders überlegt. Ich will nicht weiter.“

„Was wollen Sie nicht, bitte? – Nicht mehr singen? Einfach abschwenken? Gehen Sie doch! Jetzt wären wir endlich bei unserm eigentlichen Thema angelangt. – Nachdem Sie sich umgesehen und meine Geschichte vernommen haben, werden Sie auch glauben, daß mir die Gelder nicht mehr knapp sind.“