„Was geht das mich an?“ fragte sie brüsk und machte Miene, sich zu erheben. „Ich will jetzt gehen. Ihr Herr Onkel wird Sie nicht länger entbehren mögen.“

„Mein Herr Onkel ist bei seinen Whistbrüdern,“ lachte er leise. „Von denen macht er sich bestimmt nicht vor Mitternacht los. Denn – eine Frau haben wir nicht mehr. Die ist lange, lange tot. – Nur der alte Franz paßt derweilen auf, damit ich keine Dummheiten mache. Denn der Onkel von Thule macht sie lieber noch selber. Wundern Sie sich also nachher etwa in ein paar Stunden nicht, wenn er plötzlich stocksteif – stockdämlich irgendwo herumsteht. Sonst habe ich es aber wirklich in jeder Beziehung ausgezeichnet. Kann sozusagen tun und lassen, was ich will. Die Geldkatze steht unverschlossen zu meiner Verfügung. Dazu ist mein fester Monatswechsel blendend.“

„Wozu sagt er mir das alles?“ dachte Eva von Ostried und ihr Herzschlag drohte in einer erstickenden Angst auszusetzen. „Er will doch nicht etwa selbst –?“ Das Gefühl des Widerwillens, stärker noch als dasjenige der Empörung und des Zornes über die unerhörte Kühnheit, mit der er sie damals beleidigt hatte, regte sich wieder.

Sie begriff nicht mehr, daß sie ihm willenlos hierher folgen konnte, nach diesem Erlebnis. Ihr Gesicht war sehr bleich geworden. Ihre Augen irrten mit einem flackernden Blick umher, als sie sich jetzt erhob.

„Wie mich das für Sie freut! Lassen Sie sich’s weiter wohl sein, Herr Karlsen.“ Jedes Wort mußte sie erkämpfen. „Und schnellen, sicheren Aufstieg.“ Es klang tonlos. Er war gleichfalls aufgestanden und sah auf sie herab – immer noch, als sie längst zu Ende gesprochen hatte. Das brachte ihr eine größere Unsicherheit. Sollte sie ihm jetzt die Hand reichen oder – grußlos entfliehen.

„Nur noch einen Augenblick,“ forderte er und seine Brauen schoben sich eng zusammen. „Zwar weiß ich wirklich nicht, womit ich diesmal Ihre Unzufriedenheit erregt haben könnte – irgendwie werde ich mich ja aber doch wohl vergangen haben. Denn für solche Wirkungen besitze ich auch ein musikalisches Feingefühl. Sicherlich habe ich zu viel um den Brennpunkt herumgeredet. Verzeihen Sie mir. – Als ich Ihnen von dem mir gutbekannten Gönner sprach, der Ihnen auf mein Wort helfen würde – stand mein Plan bereits fest. Und das ist er geblieben. – Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick. Ich hole nur eine wichtige Kleinigkeit nebenan aus meinem Studierzimmer.“

Ehe sie eine Entgegnung fand, war er bereits verschwunden. Durch die zurückgeschobenen Vorhänge konnte sie den Raum übersehen. Ihre Blicke lösten sich von seinen Händen, die hastig in den aufgezogenen Schiebladen des Schreibtisches herumkramten und wanderten – gedankenlos – umher. Es trieb sie zur Flucht und sie blieb dennoch. Sie nahm nichts von alledem, was sie anstarrte, in sich auf. Die Bilder verschwammen zu farblosen Massen. Die wuchtigen Vasen auf hohen Sockeln, die sicher ein kleines Vermögen kosteten, wuchsen wie Steine auf, die in unsichtbarer Faust nach ihrem Herzen zielten. Mit fast übermenschlicher Gewalt zwang sie sich dazu, etwas zu denken – zu sehen – zu empfinden.

Da lag, gerade über seinem Kopf, ein großer grüner Fleck mit leuchtenden Blutstropfen. –