„Gern! – Mein Vater war Besitzer des Majorats Waldesruh im Kreise Köslin, Provinz Hinterpommern. Meine Mutter, eine geborene Baroneß Strachwitz, starb, als ich vierzehn Jahre zählte. Unsere Verhältnisse waren stets die denkbar schlechtesten. Waldesruh war bereits unter meinem Großvater arg heruntergewirtschaftet. Bei dem Tode meines Vaters blieb mir nichts Nennenswertes. Mein Vormund, Amtsrat Wullenweber, wünschte zudem, daß ich mir sogleich einen Erwerb schaffe. Besondere Sachen hatte ich nicht erlernt. So stand mir lediglich der Weg des Kinderfräuleins oder der Hausstütze offen.“
„In der zweiten Stelle, in der Sie kaum vier Monate weilten, müssen doch ganz besonders wichtige Gründe die Veranlassung zu so schnellem Wechsel gegeben haben? Ich sehe, daß dies Zeugnis die Bemerkung „auf ausdrücklichen Wunsch entlassen“ enthält.“
„Diese Gründe waren allerdings vorhanden, gnädige Frau,“ gab Eva ruhig zu. „Des Hausherrn Verhalten. Jedenfalls konnte ich nicht länger in seinem Hause bleiben.“
„Ich verstehe! Es gefällt mir ausnehmend, daß Sie so empfinden. Sie sind ein sehr schönes Mädchen. Das werden Sie nicht nur von andern gehört haben, sondern selbst genau wissen.“
Eva von Ostried nahm diese Worte als das einfache Feststellen einer Tatsache hin. Es wäre ihr kindisch erschienen, abzuwehren oder gar zu widersprechen.
„Darum fühlte ich mich auch im Hause der verwitweten Frau Landgerichtspräsident Hanna Melchers überaus glücklich. Drei Jahre war ich bei ihr und kann wohl sagen, daß eine Mutter nicht gütiger und liebevoller zu mir hätte sein können.“
„Und dieses letzte und wichtigste Zeugnis, Fräulein von Ostried? Sollten Sie vergessen haben, es mir auszuhändigen?“
„Leider besteht es nicht, gnädige Frau. Frau Präsidentin ist während einer allein unternommenen Reise unerwartet einem Herzschlage erlegen. Sie könnten sich aber über mich bei Justizrat Dr. Weißgerber, dem langjährigen Freund und Testamentsvollstrecker der Frau Präsidentin, erkundigen.“
„Wann ist er daheim? – Wissen Sie das? In sein Büro möchte ich diese Sache nicht gern tragen.“
„Er hatte heute außerhalb zu tun. Immerhin wäre es möglich, daß er schon zurückgekehrt ist.“