Sie sagte das leise und zögernd, weil ihr plötzlich einfiel, daß auch sie ja eigentlich noch wegen des Geldes den Versuch der späten Rücksprache hätte machen sollen. – Der Kommerzienrätin war das Schwanken in der jungen Stimme nicht entgangen. Auch wunderte sie sich über den plötzlich veränderten Ausdruck des schönen Gesichtes. – Erst in diesem Augenblick dachte Eva von Ostried daran, daß es leicht möglich sei, der Justizrat sage am Apparat etwas von ihren vernichteten musikalischen Aussichten. Darüber hatte sie aus guten Gründen geschwiegen.

Frau Eßling aber glaubte bestimmt, daß Eva von Ostried jene Auskunft, trotzdem sie auf dieselbe ausdrücklich hingewiesen, zu fürchten hatte und war umso mehr entschlossen, den Justizrat zu befragen. – Der Justizrat war soeben angekommen und bestätigte am Fernsprecher kurz und klar, daß Eva von Ostried zur vollsten Zufriedenheit der Verstorbenen drei volle Jahre in deren Hause gewesen sei, und daß sie auch von ihm persönlich in jeder Beziehung als ausgezeichneter Charakter geschätzt werde. Er ließ sogar mit einfließen, daß die Präsidentin fest entschlossen gewesen, die junge geliebte Hausgenossin sicher zu stellen. Zweifellos habe sie an der Ausführung dieses Entschlusses der schnelle Tod gehindert.

Frau Eßling kam befriedigt vom Fernsprecher zurück.

„Ich möchte es gern mit Ihnen versuchen, wenn Sie denselben Wunsch haben,“ sagte sie freundlich. „Ich hoffe, wir werden sehr schnell mit einander einig werden. Nur wenige Anweisungen und Bedingungen müßte ich Ihnen zuvor nennen: Sie würden nicht in meinem Hause zu leben haben, sondern bei meiner jungverheirateten Tochter, die Sie gleich noch kennen lernen sollen. Denn sie weilt vorübergehend bei mir. Ihre Pflichten werden sich leicht gestalten. – Sind Sie musikalisch?“

„Ja,“ sagte Eva. „Es dürfte sicher genügen. Ich singe.“

„Das ist mir sehr angenehm. Meine Tochter hat entschieden ein feines Gehör, war aber stets zu leidend, um sich den Anstrengungen langen Uebens auszusetzen. Würden Sie ihr etwa auch Unterricht erteilen können?“

Evas Hände wurden eiskalt. Wie ein Hohn des Schicksals erschien ihr das alles. Aber sie nickte bereitwillig.

„Gut. Für häusliche Arbeiten ist im übrigen eine Kraft vorhanden. Es kommt mir, wie Sie gemerkt haben werden, lediglich darauf an, daß meine Tochter zerstreut und froh erhalten wird. Sie muß zu viel allein sein. Das taugt nicht für ein stilles, ja scheues Wesen, wie das ihre. Können Sie lustig sein, Fräulein von Ostried?“

„Ich werde es vielleicht lernen, gnädige Frau.“