„Und treu, Fräulein von Ostried? Absolut? In jeder Lage? Bei jeder Versuchung?“
„Wie habe ich das zu verstehen, gnädige Frau?“
„Wie ein Mädchen Ihrer Herkunft und Bildung dies verstehen muß. – Treu der Herrin. Was das heißt – hm – eine Erklärung ist nach Ihren Erfahrungen in Ihrer zweiten Stelle wohl kaum notwendig. – Mein Schwiegersohn ist Künstler. Ich weiß nicht mal, ob ich das schon erwähnte. Künstler entzünden sich zumeist sehr schnell und heftig. Und Sie sind, wie ich das bereits feststellte, von der Natur besonders reich bedacht.“
„Ich würde lieber sterben, als eine Ehe zu zerbrechen helfen.“
„Den Eindruck habe ich auch von Ihnen. – Meine Erfahrung mag Ihnen wiederholen, was Sie längst selbst erfahren haben werden. Das Köstlichste und Wertvollste bleibt das gute Gewissen. „Der Uebel größestes aber ist die Schuld!“ schrieb mir mein seliger Vater unter den Einsegnungsspruch. Seither habe ich es als Wahrheit immer wieder bestätigt gefunden. – Treu der Herrin, sagte ich, die Sie sehr gütig – sehr schwesterlich behandeln wird. – Treu aber auch mir. – So selbstverständlich das Erfüllen der ersten Bedingung ist, so sonderbar wird Sie die zweite anmuten. Ich,“ ihre Stimme klang plötzlich gedämpft, „habe nicht dasjenige Vertrauen zu meinem Schwiegersohn, das nötig sein sollte, um ruhig und sorglos das Glück des einzigen Kindes in seinen Händen zu lassen. Diese Heirat ist nur ungern von mir zugegeben. Ich mißtraue ihrer Beständigkeit. – Wollen Sie, im Fall Sie die untrüglichen Beweise für die Berechtigung meines sehr regen Mißtrauens haben, mir dies unverzüglich mitteilen?“
„Das muß ich entschieden ablehnen,“ erwiderte Eva von Ostried bestimmt. „Ich erwähnte bereits, daß ich mich verachten würde, wenn ich Unfrieden zwischen Eheleute streute.“
„Wenn ich auf diese Erklärung hin auf ihre Dienste bei meiner Tochter verzichten müßte, Fräulein von Ostried?“
Eva zögerte mit der Antwort. Das Verlangen nach einem Platze, der sie vorläufig – vor der Not des Lebens schützte – an dem sie sich, fern von der leiblichen Not, ungehindert prüfen konnte, ehe sie sich fest an Paul Karlsen band, drängte sie zum Einlenken. – Die innere Wahrhaftigkeit aber verbot ihr ein Nachgeben.
„Trotzdem könnte ich es nicht versprechen, gnädige Frau.“