Eva von Ostried neigte ein wenig den Kopf, als danke sie für eine Huldigung. – Sie blieb aber weiter unbeweglich stehen und lächelte maskenhaft. Der jungen Frau kamen die Tränen.

„Ich würde Sie trotzdem bitten, Fräulein von Ostried,“ sagte sie rasch und herzlich, „aber wenn Mama nicht will, muß ich mich stets fügen. Seien Sie, bitte, nicht so sehr traurig. Ich werde Sie all meinen Bekannten warm empfehlen und bis Sie etwas gefunden haben, besuchen Sie mich fleißig alle Tage. Auch zu den Mahlzeiten. Wir speisen gegen 2 und 7 Uhr. Ja, wollen Sie das tun?“

Frau Eßling war ins Nebenzimmer gegangen und kam jetzt eilig zurück. Sie drückte einen verschlossenen Umschlag in Eva von Ostrieds Hand.

„Alles Gute für Ihren Weg und fallen Sie beim Hinausgehen nicht über die dumme Stufe, die zur Diele hinabführt.“

„Sie sind sehr gütig, gnädige Frau! Verlassen Sie sich darauf. Ich werde nicht fallen!“

Hatte sie sich verneigt oder – war sie grußlos geschieden? Die ausgestreckte Rechte und den bittenden Blick der jungen Frau mußte sie wohl übersehen haben.

„Sie hat etwas verloren,“ sagte Frau Elfriede verwirrt und zeigte auf das Weiße, das dort lag, wo noch soeben die schöne stolze Gestalt gestanden hatte.

Es war der Umschlag, in den Frau Eßling großmütig einen Fünfzigmarkschein getan hatte.

Am nächsten Morgen gegen neun Uhr war Justizrat Weißgerber schon wieder in der Wohnung seiner alten, toten Freundin. Er ging durch die nur angelehnte Gartenpforte über die Diele sofort zur Küche. Denn er wollte ungestört mit der alten Pauline sprechen. Diese hatte eine mächtige Hornbrille auf der Nase und fertigte umständlich und sorgsam das Verzeichnis der mit Obst und Gemüse gefüllten Gläser an. Offensichtlich war ihr eine Störung bei dieser Arbeit sehr unangenehm.