8.
Amtsrat Wullenweber auf Hohenklitzig erwartete Gäste. Sein einziger Bruder, der als Major a. D. in Berlin lebte, sollte, geleitet von dem Sohne, eintreffen.
Dieser Bruder war ein schwererträglicher Egoist geworden, nachdem ihn ein hartes Geschick zweimal grausam strafte. Der erste Schlag raubte dem verschwenderischen und von jeher leichtsinnigen, daneben aber im Dienst tüchtigen und ehrgeizigen Offizier die bis dahin ausgezeichnete Gesundheit. Ein ungeschickter Schütze schoß ihn auf einer Treibjagd so unglücklich an, daß er sich seither nur an zwei Krücken fortbewegen konnte. Der zweite Hieb traf ihn schwer an seiner Ehre und machte ihn zum schroffen Verächter jeglichen Menschenwertes, weil er die helfenden Krücken verzeihender Einsicht nicht zu finden vermochte.
Amtsrat Wullenweber hatte von einem persönlichen Empfange am Bahnhof abgesehen. Er stand auf der Steintreppe vor seinem unscheinbaren Gutshause und spähte nach der Staubwolke aus, die ihm das Nahen des Wagens verraten sollte.
Und nun saßen sie zu Dreien an einem runden Tische und sprachen über völlig gleichgültige Dinge. Das Zimmer blitzte in Frische und Sauberkeit. Auf den kalt- und steifwirkenden Möbeln aus hellster Birke zeigte sich kein Stäubchen. Es fehlte aber dennoch jede Spur einer liebreich schmückenden Frauenhand. Das Mahl war einfach, aber schmackhaft zubereitet, doch schien keiner den rechten Genuß daran zu finden.
Amtsrat Wullenweber, der ein ebenso ausgezeichneter Ackerwirt wie schlechter Diplomat war, setzte das Grübeln über die ungefährlichste der persönlichen Fragen mit stummer Energie fort. Endlich meinte er sie gefunden zu haben und wandte sich an den Neffen, der schlankgewachsen, blond und merkwürdig ernsthaft für seine zweiunddreißig Jahre, zwischen ihnen saß.
„Na, Walter, nächstens mußt du nun auch wohl schon drei Jahre Assessor sein, nicht wahr?“
Doktor jur. Walter Wullenweber besaß die strahlend blauen Augen eines reich Begnadeten, der sich trotz aller Lebenshärten, seine kleine Welt voller innerer Schönheit unversehrt erhalten hat.
„Etwas länger bereits, Onkel,“ erwiderte er und seine Stimme klang weniger klar, wie bisher.