„Deute es dir, wie du willst! Daß Walter nicht Musik studieren durfte, darin mischte ich mich nicht ein. Das verstehe ich schließlich nicht. Wie er sich damals als grüner Bengel damit abgefunden hat, das gefiel mir, wenn schon er sich auffallend ablehnend zu mir benommen hat. Darum nehme ich heute und später seine Partei.“

„Ihr tut gerade, als wollte ich ihn zu etwas Unerhörtem verleiten und ich will ihn doch lediglich in eine gute, ja famose Lage bringen.“

„Ueber dies Kunststück würde ich gern näheres erfahren,“ lachte der Amtsrat gemütlich.

„Er soll als Teilhaber bei einem äußerst geschätzten, erstklassigen Anwalt eintreten. Der Mann hat ohne Vermögen angefangen und eine aus sieben Köpfen bestehende Familie durchgebracht. Neben der seinen, erhält er noch die Familien seiner beiden ältesten verwitweten Töchter. Das Geschäft muß also einträglich sein. Als anfänglichen Monatsgehalt ist er willens, einem tüchtigen Assessor, der dauernd eintritt, vorläufig neunhundert Mark zu gewähren. Nachher soll es steigen oder gar zur Hälfte gehen, denn er hat einen Knax weggekriegt und kanns allein nicht mehr schaffen. Später besteht natürlich die sichere Aussicht zur gänzlichen Uebernahme seiner juristischen Praxis. Ich habe die Empfindung, daß dieser Zeitpunkt nahe ist. Der Mann macht’s wohl kaum noch sehr lange.“

Walter Wullenweber war anfangs mit einem ungläubigen Lächeln der Schilderung seines Vaters gefolgt. Jetzt begann er damit zu rechnen, daß tatsächlich etwas Wahres daran sein mußte.

„Woher weißt du das alles,“ fragte er sachlich und noch vollkommen beherrscht.

„Gott – ich habe mal was bei dem Mann zu tun gehabt. Wir sind ins Gespräch gekommen. Er hat mich sogar mal in deiner Abwesenheit freundschaftlichst besucht. Verzeih’ nur gütigst, wenn ich mich ein paar Straßen weiter ohne deine gnädige Mithilfe oder Erlaubnis davonmache.“

Walter Wullenweber kannte seinen Vater genau. Darum wußte er auch jetzt, daß der nicht etwa unter seiner Bevormundung litt, sondern, daß sein Gewissen in irgend einer Beziehung nicht das reinste war. Diese bestimmte Annahme schärfte ihm in plötzlich erwachsender Angst den Blick.

Zeigte der Sechzigjährige nicht die deutlichen Spuren einer nervösen Unsicherheit wie nach jeder begangenen Torheit? Und war sein ohnehin sprunghaft wechselndes Benehmen in letzter Zeit nicht noch unbeständiger geworden? Jetzt mußte sich Wullenweber mit aller Kraft zur Bewahrung seiner Ruhe zwingen.

„Konnte ich dir nicht ebenso gut raten und helfen, wie es der Justizrat Weißgerber imstande war, Vater? Du siehst, so ganz blind und taub bin ich doch nicht neben dir dahingegangen. Ich sah Euch vor einiger Zeit aus einem Weinlokal herauskommen. Das nahm mich bei dem Vielbeschäftigten eigentlich Wunder – ich wollte dich auch fragen – vergaß es aber nachher über etwas wichtigerem. Nicht wahr, bei ihm gedachtest du mich auch unterzubringen? Aber, lassen wir das jetzt. Etwas anderes erscheint mir wichtiger. Wozu brauchtest du einen fremden Juristen? Wozu trugst du das Geld aus dem Hause?“