„Nein, Onkel, noch nicht! Mir blieb zu wenig Zeit dazu, glaube ich.
Aber ich fühle, daß es eines Tages kommen wird. Und darum lebe ich trotz allem auch gern. Ein Ziel ist da und ein fester Wille zur Erfüllung aller Pflichten.“
„Sonderbarer Heiliger.“
„Bis heute habe ich zu keinem davon gesprochen, Onkel.“
„Das glaube ich dir aufs Wort! Siehst du, da haben wir uns nun jahrzehntelang gekannt und ich habe doch nichts weiter von dir gewußt, als daß du einen Jugendwunsch, von dessen Ernsthaftigkeit ich mich allerdings überzeugt hatte, überwunden hast. Ich fand das riesig vernünftig und die Art, in der du es tatest, hat mir gefallen, wie ich ja schon erwähnte. – Diese eine Stunde hat gründlichere Arbeit als die ganzen Jahre getan. Nun kenne ich dich wirklich. Weiß Gott, viel Freude ist nie in meinem Leben gewesen. Nicht mal das Ziel, das du dir gesetzt hast, war darin vorgesehen. Nur immer der graue Alltag. Ich habe viel Staub schlucken müssen, denn zu den Sonn- und Feiertagen ließ ich mir nie recht Zeit. Jetzt freue ich mich und bitte meinem Leben manches ab. Sieh hinaus. Der Mond scheint gerade hell. Die Felder mit Stoppeln haben ihre Ernte hinter sich. Das Brachland muß ausruhen, damit es im nächsten Jahre wieder seine Schuldigkeit tut. Sogar die Fichtenkusseln wachsen langsam aber sicher ins Geld. – Ich hab’ bloß immer in meinem Dasein säend geschuftet. Ohne Sinn und Verstand. Denn für wen? Ein ekliges Geschäft, wenn man darauf keine Antwort weiß. Jetzt wird’s anders werden. Du mußt öfter zu mir kommen, Junge!“
Einen Augenblick ruhten ihre Hände fest in einander! Das war wie ein Schwur, obgleich kein Wort dabei gesprochen wurde.
„Und jetzt wollen wir in die Klappe gehen,“ sagte der Amtsrat wieder in seinem alten, fast befehlshaberischen Tone, den sich ein Herr leicht angewöhnt, der auf seinem Stück Eigenland streng nach Ordnung sieht. – –
Walter Wullenweber konnte nicht schlafen. Hinter der weißgetünchten Wand ruhte sein Vater und war ihm, nur durch eine dünne Verschalung getrennt, so nahe, daß er das unruhige Umherwerfen des schwerfälligen Körpers vernehmen mußte. Im Karpfenteich und in den sich daranschließenden Sumpfgräben quakten die Frösche. Aus den Viehställen sang zuweilen eine klirrende Kette.
Hinter der weißen Wand ward ein Stöhnen hörbar. Er erhärtete sich dagegen. Mußte er nicht auch, schweigsam, oft genug leiden? Tief wühlte sich sein Kopf in den verschwenderischen Reichtum der weichen Federkissen ein. Und doch lauschten die Sinne – wider Willen – und erlauschten, daß sich der Mann, der um keinen Preis alt und schwach sein wollte, in Schmerzen wand. Da sprang er auf und ging zu ihm.
„Was hast du, Vater? Soll ich dir von deinen Tropfen geben?“