„Wir wollen uns möglichst schnell ins Parkhotel begeben,“ schlug der Baron vor, als sei es ganz selbstverständlich, daß sie für den Rest dieses Tages zusammenblieben. „Ihnen ist es doch recht, gnädiges Fräulein? Ich habe einen kleinen Tisch am offenen Fenster bestellt. Die Anlagen des Maximilianplatzes sind in diesem Jahre besonders schön.“

Sie sah bittend zu Ralf Kurtzig hinüber.

„Nicht wahr, ich vertrage nach solcher Musik keine fremden Menschen?“

Baron Alvensleben lachte leise. „Empfinden Sie mich etwa als fremd? Mir sind Sie eine liebe Bekannte – seit vorgestern und gestern her. Ich hörte Sie zweimal. Ihre Schubertlieder am ersten Abend waren eine wundervolle Leistung, hinter welcher die sonst recht saubere Kunstfertigkeit des Violinisten leider abgrundtief versank. Am künstlerisch wertvollsten freilich faßten Sie am zweiten Abend das Lied der Carmen auf, wie Sie ja auch mit dem hinreißenden Glanz und der einzigen Wärme Ihrer Stimme der Bühne und nicht dem Konzertsaal gehören.“

Er tat, als merke er ihr Zusammenzucken nicht. Heimlich aber freute er sich daran und pries die gründliche Kenntnis von der Beeinflussung auf die Künstlerseele.

„Aha, der Köder lockt schon. Alter, guter Kurtzig, wir kennen doch den Rummel,“ dachte er dabei. Er glitt klug und geschickt, als sei dies nichts anderes, als eine bedeutungslos gemeinte Feststellung gewesen, zu ihren Liedern zurück. Sie war ein seltener Vogel. Scheu – trotzig und unsäglich empfindlich. Das fühlte er deutlich. Bestimmt eine, die einen Regisseur zur Verzweiflung bringen konnte, daneben aber auch das liebe Publikum vor Wonne rasen machend.

„Von wem stammte übrigens das kleine Lied, das Sie als Zugabe sangen,“ fragte er weiter. „Die Liederfolge verriet den Komponisten nicht. Die drei Sternchen an Stelle des Namens pflegen sonst zu einem gewissen Mißtrauen zu berechtigen. Diesmal nahm bei aller Schlichtheit die Originalität der führenden Melodie stark gefangen.“

„Den Komponisten vermag ich nicht zu nennen,“ gestand Eva von Ostried, „das kleine Lied hat eine eigene Geschichte.“

„Die Sie am offenen Fenster erzählen werden, ja,“ bat er mit einem knabenhaft fröhlichen Blick.